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Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen

Albrecht Knaus Verlag
2015
352 Seiten
ISBN-13: 978-3813503708
€ 19,99


Von Hans Durrer am 01.11.2015

  Büchern, seien es Romane oder Sachbücher, ist häufig ein Zitat vorangestellt, manchmal sind es auch mehrere Zitate, die häufig mit dem nachfolgenden Text wenig bis gar nichts zu tun haben, gelegentlich auch von kaum zu übertreffender Banalität sind und ab und an eigentlich nur dastehen, um zu zeigen, dass Autor oder Autorin schon mal von Shakespeare gehört haben. Dieses langen Satzes kurzer Sinn: Ich mag die Heiner-Müller-Sätze, die Jenny Erpenbeck ihrem „Gehen, Ging, Gegangen“ vorangestellt hat, deshalb so sehr (und das ist erstaunlich, weil ich Stimme und Diktion, Brille und Zigarre des Heiner Müller nie ertragen habe), weil sie ganz wunderbar zusammenfassen, was dieses in jeder Hinsicht überzeugende Buch von der Idee her ausmacht: dass nämlich alles miteinander verbunden ist. Und so seien sie denn zitiert: „Auch wenn es mich sehr stört, muss ich eine grosse Hemmung überwinden, um ein Insekt zu töten. Ich weiss nicht, ob es Mitleid ist. Ich glaube nicht, nein. Vielleicht ein sich Gewöhnen an Zusammenhänge. Und ein Versuch, sich einzufügen in Zusammenhänge, die existieren.“
 
  Richard, ein emeritierter Professor, der nicht aufhören kann mit dem Denken, lebt in seinem Haus am See. Zehn Männer, Schwarze, sind vor dem Roten Rathaus im Hungerstreik und schweigen.
 
  Richard beginnt sich für die Hungerstreikenden zu interessieren. „Die nächsten zwei Wochen verwendet Richard darauf, einige Bücher zum Thema zu lesen und einen Fragenkatalog für die Gespräche, die er mit den Flüchtlingen führen will, zu entwerfen.“ Wenn Intellektuelle sich anschicken, die Welt zu begreifen, dann strukturiert, von Anfang bis Ende. Und das ist so hilflos wie komisch. Richards Fragen fangen mit „Wo sind Sie aufgewachsen?“ an und enden mit „Wo soll man Sie begraben?“
 
  Er begibt sich zu einem Haus, wo Flüchtlinge untergebracht werden und lernt da unter anderem, dass Hausa sowohl in Nigeria und Ghana, im Sudan, in Niger und Mali gesprochen wird, die Hausa-Leute meist Moslems und die Yoruba-Leute meist Christen sind, dass es jedoch auch Yoruba gibt, die Moslems sind. Richard wird klar, dass das alles nicht ganz so einfach ist.
 
  Einer der Flüchtlinge, die er in der Folge kennenlernt, heisst Awad, wurde in Ghana geboren, kam als Siebenjähriger zu seinem Vater nach Libyen, bis dann die Dinge dort aus dem Ruder liefen, der Vater getötet, Awad mit anderen aufs Meer hinausgejagt wurde und auf Sizilien landete. Dort gab es weder Arbeit noch etwas zu essen. „Richard hat Foucault gelesen und Baudrillard und auch Hegel und Nietzsche. Aber was man essen soll, wenn man kein Geld hat, um sich Essen zu kaufen, weiss er auch nicht.“
 
  Und so tut Richard was Studierte eben so tun. Er liest sich ein, etwa in Dublin II, die Verordnung, die den Grenzübertritt regelt. „Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen.“
 
  Eines Tages erfährt Richard vom Sicherheitsdienst, dass die Flüchtlinge in ein Heim mitten im Wald umgesiedelt werden sollen. Zu aufgebracht, um, wie er vorgehabt hatte, einkaufen zu gehen, gibt er sich seinen Gedanken hin. „Die Leute, die solche Beschlüsse verkünden, wissen wohl nicht, was es heisst, ernsthaft zu recherchieren. Eben erst hat er begonnen, seine Gespräche mit den Männern zu führen, da wirft man ihm gleich wieder Steine in den Weg. Auch an der Uni gab es solche Beamte, die glaubten, dass es wichtiger sei, die Reisebelege zu stempeln, das Krankenversicherungsformular zu erneuern, die Anzahl der im Büro verbrachten Stunden in eine Liste zu schreiben – als dass man die Arbeit tun konnte, für die man ursprünglich bestellt war. Zum Beispiel zu untersuchen, ob es Zahlenverhältnisse gab, die für die Schönheit eines Verses ebenso wichtig waren wie für die Stabilität eines Schneckengehäuses. Oder in Erfahrung zu bringen, wo in der Literatur der Augusteischen Zeit Jesus in Erscheinung trat als letzter griechischer Gott.“ Selten wurde mir die Relevanz geisteswissenschaftlichen Tuns treffender näher gebracht.
 
  Wunderbar überzeugend schildert Jenny Erpenbeck das Unbeholfene, ja die Unfähigkeit des Intellektuellen Richard angesichts einer ihm unvertrauten Welt. Auf diese Überforderung reagiert er, indem er zu helfen versucht: er geht mit bei Behördengängen, nimmt junge Männer bei sich auf. Gleichzeitig nimmt er das Unglück der anderen zum Anlass, über sein eigenes Leben zu räsonieren.
 
  Die Unterhaltungen, die Richard mit den Flüchtlingen führt, sind recht einseitig. Seinem Interesse an ihnen und ihren Herkunftsländern (unter anderem lernt er, dass es in Niger grosse Uranvorkommen hat), steht kein wirkliches Interesse an ihm und seiner Welt gegenüber. Am Gelungensten fand ich denn auch die Passagen, in denen Richards Welt geschildert wird. So hält er etwa bei einem Colloquium in Frankfurt am Main einen Vortrag zum Thema: 'Die Vernunft als feurige Materie im Werk des Stoikers Seneca.' „Keiner sagt ein Wort zu seinem Vortrag. Richard weiss nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Drei Frauen sind unter den Forschern, darunter eine mit rasant hohen Absätzen, aber mit der kommt er nicht ins Gespräch, im übrigen sind alle so, wie Menschen auf solchen Tagungen nun einmal sind: klug, dumm, schrullig, ehrgeizig, schüchtern, von ihrem Fach besessen, eitel.“

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