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Ken Bruen
Kaliber

Polar Verlag
2015
Übersetzt von Karen Witthuhn
180 Seiten
ISBN-13: 978-3945133125
€ 12,90


Von Hans Durrer am 01.11.2015

  Es geschieht sehr selten, dass ich auf den ersten Seiten eines Krimis ständig zustimmend nicke und lache und mich freue. Das hat unter anderem damit zu tun, dass da mit Charles Willeford einer meiner absoluten Lieblinge Erwähnung findet. Und dann gibt es da noch den Hinweis auf Chandlers Briefe – „Chandler lehrt mich durch seine Briefe das Handwerk, alles, was man wissen muss – er sagt einem nicht nur, wie, sondern auch, warum“ (für mein Empfinden gibt es da ein paar Kommas zu viel) – und natürlich suchte ich sie unverzüglich im Regal und begann darin zu lesen. Und fühlte mich wohl und angeregt und lebendig.
 
  Es gibt noch andere Hinweise auf Autoren, die ich enorm schätze (etwa Andrew Vachss und James Sallis). Mir ist schnell klar, ich befinde mich bei Ken Bruen in bester Gesellschaft.
 
  Und auch der Plot ist ganz nach meinem Geschmack: Im Südosten Londons ist ein Killer mit einer Anstandsmission unterwegs, der Männer wie Frauen, die sich so richtig unanständig aufführen, ins Jenseits befördert. Es versteht sich: Der Mann hat meine volle Sympathie. Im Gegensatz zu Sergeant Brant, einem cleveren Kotzbrocken mit schrägem Humor (der mir im Verlaufe der Geschichte jedoch immer sympathischer wird), der ziemlich viel Dreck am Stecken hat, was seine Vorgesetzten zwar wissen, ihm aber nicht beweisen können.
 
  Brant schreibt übrigens an einem Krimi, bewundert Ed McBains über achtzig Bücher über das 87. Polizeirevier (unter meinen Stapeln muss doch auch ein Band sein, doch ich finde ihn nicht. Frust!) und seine Auseinandersetzung mit McBain (und den Bezügen auf andere Krimiautoren) lohnt allein die Lektüre.
 
  Der Killer (auf dem Buchumschlag aus unerfindlichen Gründen als „Manners Killer“ bezeichnet, im Text selber hingegen als „Manieren-Mörder“) rühmt sich seiner Taten in Schreiben an die Polizei und führt Tagebuch, wie Buchhalter (er ist Buchhalter!) das eben so tun.
 
  Aus der Kriminologie weiss man (der Volksmund weiss es auch), dass Polizisten und Verbrecher sich weit weniger voneinander unterscheiden, als es die verordnete öffentliche Wahrnehmung will. Selten wurde das besser erzählt, als in Ken Bruens „Kaliber“.
 
  „Kaliber“ besticht vor allem durch sein nüchterne Sicht auf die Welt.
  Als die Polizistin Falls zum Schuldienst verdonnert wird (unter anderem wegen eines fast tödlichen Kokainfaibles), nimmt sie sich die Anleitung für den Schulvortrag vor, dessen erster Satz lautet: „Der Polizeibeamte sollte so schnell wie möglich eine Beziehung zu den Jugendlichen aufbauen.“ Was sie wie folgt kommentiert: „Ja, klar. Vielleicht, indem man ihnen sagte, wo sie erstklassiges Hasch herkriegen konnten.“
  Und als sie ihre Kollegin wegen ihres Veilchens zur Rede stellt, antwortet diese: „Er hat's nicht so gemeint, er steht echt unter Druck.“ Worauf der Autor diese ganz wunderbar realistischen Zeilen folgen lässt: „Das hatte Falls schon tausendmal gehört. Die, die es nicht so meinten, waren die schlimmsten, meistens die Mörder. Sie war im Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer gewesen, wo solche Geschichten an der Tagesordnung waren. Sie seufzte ...“
 
  Rasant, witzig und pulsierend vor Leben; ein no-nonsense Text, der mich nicht nur Wesentliches über die Welt gelehrt, sondern mir zudem ein echtes Lesevergnügen beschert hat. Bitte mehr davon!

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