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Attila Boa
Zur Verteidigung der Traurigkeit

Bibliothek der Provinz
2015
128 Seiten
ISBN-13: 978-3990283592
€ 13,-


Von Hans Durrer am 29.10.2015

  „Es ist unhöflich, traurig zu sein. Es widerspricht der Etikette. Ich muss mich entschuldigen, in letzter Zeit war es besonders schlimm. Eigentlich war es immer gleich schlimm - aber die Traurigkeit hat in letzter Zeit Gefallen gefunden am lauten Sprechen, am Wüten und Kaputtmachen“, schreibt Attila Boa in seinem Essay „Zur Verteidigung der Freiheit“.
 
  Wir leben in Zeiten, in denen vieles, was lange als normal oder zumindest als nicht wirklich problematisch angesehen worden ist, als krank bezeichnet wird. Diese Tendenz ist zwar begrüssenswert für professionelle Helfer, weil sie dadurch nicht nur etwas zu tun, sondern auch ein Auskommen haben, doch den neuerdings "Kranken" wird dabei nicht immer geholfen, ausser von den Krankenkassen. Und dann ist da auch noch die nicht immer willkommene Stigmatisierung.
 
  Gleichzeitig ist es jedoch auch so, dass für nicht wenige eine Diagnose hilfreich sein kann und es oft auch ist. Man weiss dann, dass man nicht spinnt sondern eine Krankheit hat, ausser natürlich, die Diagnose lautet medizinisch-technisch so, dass man es quasi amtlich hat, dass man wirklich spinnt und das mag nicht jeder oder jede.
 
  Attila Boa kann mit der Diagnose beziehungsweise dem Namen Depression nichts anfangen. Seine Traurigkeit („diese verschworene Gemeinschaft“) als Krankheit zu sehen, leuchtet ihm nicht ein, denn sie ist allumfassend, lässt sich nicht zerteilen. „In einer Welt, in der Hoffnungslosigkeit, Todessehnsucht und die verzweifelte Leere zur Krankheit erklärt werden, liessen sich auch meteorologische Ereignisse oder Planeten zu Krankheiten erklären, sie müssten nur genügend bedrohlich erscheinen. Im Grunde verbirgt sich dahinter nichts als die zutiefst irrtümliche Vorstellung eines Anrechts auf Gesundheit und Harmonie.“
 
  Boas Folgerung, was als bedrohlich erscheint, werde zur Krankheit erklärt, halte ich für zu kurz gegriffen, nur schon, weil die Übergänge von gesund zu krank fliessend sind. Doch „die zutiefst irrtümliche Vorstellung eines Anrechts auf Gesundheit und Harmonie“ ist in der Tat weit verbreitet. Dostojewskis Raskolnikoff hielt sie für krankhaft: „... eine ferne Vorahnung in ihm, dass diese ganze Breitschaft zur Besserung gleichfalls krankhaft war.“
 
  Obwohl Boa, wie er schreibt, mit dem Namen Depression nichts anfangen kann, so wendet er ihn doch auch auf sich selber an. „Nachdem ich den ganzen Morgen in meiner schweren Depression verbracht habe, setze ich mich jetzt an den Tisch, um ein Schnitzel mit grünem Salat zu essen. Die existenzielle Einsamkeit, die ich vor meinem Schnitzel empfinde, scheint meinem Hunger keinen Abbruch zu tun.“
 
  „Zur Verteidigung der Traurigkeit“ ist eine sehr persönliche Meditation über einen Gefühlszustand, der den nicht damit Geschlagenen kaum vermittelbar ist. Attila Boa versucht mittels des Denkens damit klarzukommen und kommt zu einem recht ungewöhnlichen Schluss. „Wenn ich mein Denken irgendwie erträglich halten kann, dann nur damit, dass ich mir keine Klarheit schaffe.“
 
  Bevor er dort anlangt, lässt er den Leser und die Leserin an ganz vielfältigen Gedankengängen teilhaben, die mich oft berührten („... stelle ich fest, dass ich keinen einzigen Zustand der Zufriedenheit kenne, der nicht unmittelbar aus einem Zustand der Bedrückung hervorgegangen wäre ...“), aber auch immer wieder ratlos liessen: „Nichts als Geräusche. Der in neuer Unschuld leer gewordene Raum jedes abgestorbenen Gedankens ist schutzlos dem Klappern von Schritten auf der Treppe und dem seltsamen Quietschen moderner Reinigungsgeräte ausgeliefert. Als wäre ich dazu verdammt, andauernd auf metaphysisches Knäckebrot zu beissen, zerstören innerliche, intellektuelle Kaugeräusche mit geistloser Aufdringlichkeit die letzten erhaltenen Strukturen meines Wissens und meines Wissenkönnens.“

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