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Ayelet Gundar-Goshen
Löwen wecken
(Lehar'ir Arajot)

Kein & Aber
2015
432 Seiten
ISBN-13: 978-3036957142
€ 22,90


Von Hans Durrer am 07.10.2015

  Der Neurochirurg Etan Grien hat sich mit seinem Chef angelegt und wird vom Krankenhaus im Zentrum des Landes in die Wüste von Beer Scheva verbannt. Nachdem er eines Tages im dortigen Soroka-Krankenhaus neunzehn Stunden Dienst absolviert hat, steigt er um zwei Uhr nachts in seinen Wagen und überfährt einen Eritreer. Als er erkennt, dass diesem nicht zu helfen ist, lässt er ihn an der Unfallstelle liegen und fährt, ohne den Unfall zu melden, nach Hause.
 
  Am nächsten Tag steht eine grosse, schlanke, sehr schöne und sehr stolze Eritreerin namens Sirkit vor seiner Tür. Sie fordert Hilfe, will, dass der Arzt eritreische Flüchtlinge medizinisch versorgt. Das tut er dann fortan regelmässig und klaut auch Medikamente aus dem Spital. Mit der Zeit merkt er, dass er die Eritreerin zu begehren beginnt.
 
  Seine Frau Liat, Polizistin von Beruf, regt sich derweil auf, dass die Fahrerflucht mit Todesfolge (die ihr Mann zu verantworten hat, was sie aber nicht weiss) nicht weiter untersucht wird. Der Fall lässt ihr jedoch keine Ruhe. Schliesslich landet sie bei ihrem Nachforschungen auch bei den Wellblechhütten, deren Bewohner ihr Mann medizinisch versorgt.
 
  Kein besonders origineller Plot, doch die Geschichte, die mich anfangs nicht wirklich packte, gewinnt mit der Zeit an Spannung. Vor allem die zunehmende Entfremdung (die Zweifel, das Ungesagte und Halb-Gesagte) von Etan und Liat ist überzeugend geschildert. Auch gibt es immer wieder höchst clevere Szenen. „Auf ihrem Tisch liegt ein Foto des aufgeschlagenen Kopfes eines eritreischen Infiltranten. Unweit davon, in einem hübschen Holzrahmen, steht ein Foto des Mannes, der ihn überfahren hat und geflüchtet ist. Kaum zwanzig Zentimeter liegen zwischen dem Bild des Opfers und dem des Unfallfahrers, und sie sieht es nicht.“
 
  Eines Tages ruft Sirkit Etan im Spital an und beordert ihn, eines Notfalls wegen, zu den Wellblechhütten. Als er dort eintrifft, wo er Zeuge wird, wie eine schwergewichtige Sudanesin (im Buch heisst es: Sudanerin) Sirkit um Hilfe bittet. „Sirkit erwiderte in weichem, melodischen Arabisch. Es war ein angenehmer Klang, und so erfasste Etan erst im zweiten Moment, dass sie die Frau abwies. Er kapierte es, als die Frau aufstand und Sirkit ins Gesicht spuckte.“ Diese bleibt ruhig und gefasst. „Sie stand einfach da, ohne ein Wort zu sagen. Als die Frau erneut spuckte, direkt ins samtige Schwarz ihrer Augen, ging sie ans Waschbecken, um sich das Gesicht abzuspülen.“
 
  Die Atmosphäre in den Wellblechhütten, die dortigen Konflikte zwischen den illegalen Einwanderern sowie den Beduinen-Schleppern, auch der Drogenhandel kommt mit ins Spiel, das ist höchst eindringlich erzählt und lässt einen erahnen, wie es derzeit wohl in den deutschen Flüchtlingslagern zu und her geht, nicht zuletzt auch, was die Behandlung von Frauen anlangt.
 
  Die Ungereimtheiten zwischen Etan und Liat häufen sich. Liat wird immer misstrauischer, wehrt sich jedoch dagegen, Etan nachzuspionieren. Und tut es dann schliesslich doch ... es ist Thriller-mässig, wie Ayelet Gundar-Goshen das schildert, wie überhaupt dieses Buch auch ein veritabler Thriller ist.
 
  „Löwen wecken“ besticht nicht zuletzt durch die differenzierte, also selbstkritische Auseinandersetzung mit Interkulturellem: „ ... den ganzen Kampf mit Marziano um den Fall des Eritreers führte sie doch nur, um sich zu vergewissern, dass sie eben nicht zu denen gehört, für die alle Schwarzen gleich sind. Oder zu denen, für die ein guter Araber ein toter Araber ist und ein guter Beduine eine Beduine im Knast. Sie ist anders. Aber schliesslich und endlich würde sie kein Schwimmbad besuchen, in dem es von Arabern wimmelt, obwohl sie in die Luft gehen würde, wollte jemand ein Schild anbringen, das ihnen den Zugang versagt.“
 
 Fazit: ein faszinierendes und beklemmendes Buch.

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