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Leonardo Padura
Die Palme und der Stern
(La novela de mi vida)

Unionsverlag
2015
Übersetzt von Die Palme und der Stern
360 Seiten
ISBN-13: 978-3293004856
€ 24,95


Von Hans Durrer am 07.10.2015

  Von Leonardo Padura habe ich bis jetzt nichts gelesen, doch da ich schon oft in Kuba war und mit Havanna und der Gegend drumherum einmal recht vertraut gewesen bin, begegne ich Kubanischem generell mit Interesse und Sympathie. Und genau so gehe ich „Die Palme und der Stern“ an, merke jedoch schon bald, dass dieser Roman mich sprachlich nicht wirklich erreicht, mich der Stil an einen fleissigen und aufmerksamen Schüler, der einmal Lehrer werden wird, gemahnt: das Spritzige und Lebendige geht ihm ab.
 
  Ein Beispiel: „ Diese zwei Jahre waren vielleicht die besten seines Lebens. Er unterrichtete kubanische Literatur und hatte Zeit für seine Forschungsarbeit. Ausserdem genoss er die Vorteile seiner erstmals erlangten finanziellen Unabhängigkeit und seiner Position auf dem Gebiet, das ihm am meisten Spass machte, in, wie er sagte, einem diachronischen und synchronischen sowie horizontalen und vertikalen Sinne, quer durch das chromatische Spektrum. Mit der Ausdauer eines Athleten vernaschte er jede geniessbare Dame aus der Riege der Lehrerinnen sowie die feinsten Leckerbissen aus dem Kreise seiner Studentinnen. Er lebte wie ein Fürst überzeugt davon, dass sein leuchtender Stern niemals untergehen und er, wenn der Augenblick käme, in dem seine Inspiration erwachte, wieder Gedichte schreiben würde, so wie er es in seiner Schüler- und Studentenzeit getan hatte.“
 
  Glücklicherweise ist nicht der ganze Text so – es gibt auch viele andere und gelungene Passagen. Zudem hat der Autor viel Anregendes zu berichten. Leider aber gibt er auch immer wieder sprachlich wie inhaltlich so Unsägliches von sich wie: „Doch wie man weiss, hat ein Dichter niemals das Recht, sein Dasein in vollen Zügen zu geniessen ...“. Oder: „Als Verschwörer gescheitert, war ich jetzt auch als Liebhaber besiegt ...“
 
  Doch worum geht’s?
  Um zwei kubanische Schriftsteller. Der eine, Fernando, kommt aus dem Exil zurück und taucht in seine Vergangenheit ein, wobei er unter anderem der Frage nachgeht, wer ihn damals verraten hat. Der andere, José Maria Heredia, hat angeblich Memoiren verfasst. Und nach diesen sucht Fernando nun.
 
  Die Geschichten der beiden, obwohl in verschiedenen Jahrhunderten spielend, werden parallel erzählt. Nicht ohne Grund, denn sie weisen Gemeinsamkeiten wie etwa die Erfahrung des Exils auf. Und sie nehmen auch insofern aufeinander Bezug, als für beide eine Verbindung mit den Geheimnissen der Freimaurer auf Kuba besteht.
 
  Unter den alten Freunden, die Fernando wieder trifft, ist auch Delfina, in die er damals verliebt gewesen ist und die ihm offenbart, dass drei Monate vor ihrem Wiedersehen „etwa Unglaubliches passiert war.“ Es ist dies eine der wirklich spannenden Szenen, die hier jedoch nicht verraten werden soll …
 
  „Die Palme und der Stern“ ist auch ein Geschichtsbuch, man erfährt darin Einiges über die Unabhängigkeitsbestrebungen in Kuba.
 
  Meine anfänglichen Widerstände gegenüber Paduras Sprachrhythmus und Wortwahl wurden mit der Zeit weniger. Zum Einen, weil die gut gebauten Parallelgeschichten (mit wunderbar gekonnten Überleitungen) nach und nach an Schwung gewinnen und sich zu spannenden Liebesgeschichten verdichten. Zum Anderen, weil der Autor immer wieder mal „Kubanisches“ höchst treffend einfängt:
 
  „... ich konnte nie gut tanzen, und jemand, der mit diesem Mangel behaftet ist, sollte sich tunlichst von der Tanzfläche fernhalten in einem Land, in dem es die grösste Dummheit ist, schlecht zu tanzen und sich zu erdreisten, es dennoch in aller Öffentlichkeit zu tun.“
 
  „... führte er mich in sein Zimmer mit der kleinen Küchenecke, in der er Kaffee aufbrühen konnte, wo wie wir Kubaner es lieben:mit viel Kaffeepulver und wenig Wasser, in kleinen Steingutschälchen serviert, mit der nötigen Menge Zucker, die dem Getränk den bitteren Geschmack, aber nicht das Aroma nimmt.“
 
 PS: Hier noch eine meiner liebsten Szenen:
  „Jemand muss sterben, damit die andern merken, dass sie leben“, sagte Miguel Ángel.
  „Keine Reden, verdammt noch mal!“, bat Álvaro.
  Fernando und Tomás grinsten.

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