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Hilary Mantel
Von Geist und Geistern
(Giving Up the Ghost)

DuMont
2015
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
240 Seiten
ISBN-13: 978-3832197698
€ 19,99


Von Hans Durrer am 06.09.2015

  Als „eine erstaunliche, hinreissende Autobiografie“ hat Susan Sontag dieses Buch (auf Englisch im Jahre 2003 erschienen) bezeichnet und ich stimme voll und ganz zu.
 
  1952 in Glossop, England, geboren, studierte sie Jura (zuerst an der London School of Economics, dann wechselte sie, ihres Freundes und späteren Mannes {den sie zweimal heiratete}wegen, nach Leeds), anschliessend arbeitete sie als Sozialarbeiterin.
 
  Einfach so hinzuschreiben, dass Hilary Mantel Jura studierte, stimmt zwar, sagt jedoch überhaupt nichts darüber aus, wie frustrierend das für sie gewesen sein muss. Zu erahnen ist es, wenn man diesen Satz hier liest. „Ich begann Jura zu studieren, und mein brennendes Verlangen nach Gerechtigkeit machte mich besonders ungeeignet dafür.“ Treffender habe ich selten ausgedrückt gefunden, dass man Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander verwechseln sollte.
 
  „Von Geist und Geistern“ lohnt sich schon alleine der Ausführungen zum Recht wegen. Mantel hadert mit der Rechtssprache, die sich in Zweideutigkeiten und Ausweichen ergeht und von ihr verlangt, „buchstäblich zu bleiben und meinen intellektuellen Blick zu senken.“
 
  Unnachahmlich diese Szene, welche mich die Juristerei so nüchtern sehen lässt, wie sie es verdient. Und welche die Juristen, die sich ihrer selbst gebastelten Illusionen oft durchaus bewusst sind, als Menschen zeigt, die auch selbst Gefangene des von ihnen geschaffenen und betriebenen Systems sind. „Ich geriet in Schwierigkeiten, als ich boshaft behauptete, die Jurisprudenz sei nichts als ein elaborierter Bluff und die Rechtssprache der Zauberei verwandt. 'Unterschreiben Sie hier oder machen Sie Ihr Zeichen, sprechen Sie eine Formel: Abrakadabra – jetzt sind sie Mann und Frau. Ich setze eine Perücke auf und verlese eine Schriftrolle: Abrakadabra, die Ehe ist aufgelöst.' Wenn Sie recht haben, meinte mein Tutor ernst, nehme ich an, wir könnte auch nach Hause gehen. Er stand auf, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und sah voller Melancholie zu den fernen Bergen hinüber.“
 
  Mir imponiert an Hilary Mantel vor allem ihre Haltung. Und wie überzeugend sie ihr Ausdruck gibt. Sechs oder sieben war sie, als ihr Stiefvater Jack in ihr Leben trat. „Er war ein aufrichtiger Mensch, und die Aufrichtigen dieser Welt machen es einander nicht leicht. Er war Ingenieur, hatte eine kleine, genaue Ingenieurshandschrift, und sein Denken war diszipliniert; aber das Herz in seiner Brust schlug wie eine Wespe in einem umgedrehten Glas.“ Die beiden kommen nicht miteinander klar. „Meine Mutter dachte, wir vertrügen uns nicht, weil wir uns zu sehr ähnelten; ich zog die offensichtliche Erklärung vor, dass wir nicht zusammenpassten, weil wir grundverschieden waren.“
 
  „Von Geist und Geistern“ ist geprägt von klarem Denken. Und gespickt mit Überzeugungen, die ich teile. „Wir alle können uns ändern. Wir alle können uns zum Besseren ändern, an jedem Punkt. Das glaube ich; was jedoch ganz sicher stimmt, ist, dass wir uns plötzlich fremd werden können, durch Krankheit, einen Unfall, einen Unglücksfall oder eine hormonelle Kaprice.“
 
  Unter einer solchen hormonellen Kaprice leidet auch Hilary Mantel. Wegen Schmerzen in den Beinen, suchte sie den Arzt auf. Und das war ein Fehler …
 
  Fünf Jahre lebte sie in Botswana, vier in Saudi-Arabien. Geister scheinen ihr eine europäische Erscheinung, in Afrika hat sie keine gesehen. In Dschidda fühlte sie sich zwei Jahre lang in einem Gefängnis. „In jene dunklen Räume gesperrt, während sich das Leben anderswo abspielte und mein Körper Opfer merkwürdiger Mutationen wurde, sammelte ich so viel Wut in mir, dass sie das Dach hätte wegfegen können.“
 
  „Von Geist und Geistern“ ist ein höchst empfehlenswertes Buch, gescheit, differenziert, gradlinig und witzig. „Eines meiner Probleme bestand darin, nicht begriffen zu haben, dass man in die Schule 'musste'. Ich dachte, man könne es einfach mal probieren, und wenn es einem nicht gefiel, hätte man die Wahl und könnte auch so weitermachen wie früher.“

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