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Newton Thornburg
Cutter und Bone

Polar Verlag
2015
Übersetzt von Mende
350 Seiten
ISBN-13: 978-3945133163
€ 14,90


Von Hans Durrer am 05.08.2015

  Cutter und Bone, das sind der zynische Kriegsveteran (Vietnam) Alex Cutter, „der am Stock humpelt und dem ein Arm fehlt, und dann noch diese verdammte schwarze Augenklappe“ und Richard Bone, der einige Zeit erfolgreich als Werber tätig gewesen war, Frau und Kinder verlassen und sich in ganz verschiedenen Berufen versucht hat, jedoch normale Vorgesetzte nicht erträgt und sich deshalb als Gigolo durchs Leben schlägt.
 
  Bone plagen Sinnfragen. „Wenn die eigene Sterblichkeit so real war, wie konnte man dann die womöglich letzten Stunden mit Arbeiten zubringen und irgendwelchen Wegwerfmüll herstellen der verkaufen?“ Cutter und seine Frau Mo retten sich in Alkohol und andere Betäubungsmittel
 
  „Cutter und Bone“ spielt im kalifornischen Santa Barbara, das ich bisher ausschliesslich mit Ross Macdonald in Verbindung gebracht habe, wo das Leben hinter der Fassade – wie überall sonst auch – sich etwas anders darstellt als das davor.
 
  Aus der Zeitung erfährt Bone, dass er zugesehen hat, wie jemand eine Leiche in einer Mülltonne entsorgt – er wusste damals gar nicht, was seine Augen ihm zeigten, weshalb er es auch gar nicht hatte zuordnen können. Obwohl er den „Entsorger“ der jungen Frau nicht hat sehen können, glaubt er zu wissen, wer es war: der schwerreiche Geschäftsmann J.J. Wolfe. „Etwas musste da gewesen sein, etwas so Flüchtiges und Subtiles, dass er es nur unbewusst registriert hatte. Es lief also darauf hinaus, dass er gefühlt hatte, Wolfe an jenem Abend gesehen zu haben. Das war alles. Doch es genügte.“
 
  Die Figur des Kapitalisten Wolfe dient dem Autor unter anderem dazu, einen scharfen Blick auf die Götter der modernen Welt, Geld und Erfolg, zu werfen. „Was er sah, war irgendein Magnat, der die Beute seiner Raffgier genoss“; „Und die Polizei und das FBI und die Medien – sie allen glauben dir. Weil du die Kohle hast. Du hast die Macht und den Ruhm, der gottgegebene Beweis deiner Rechtschaffenheit, für immer und ewig, Amen.“
 
  Cutter verfällt auf die Idee, Wolfe mit Hilfe der Schwester der Getöteten zu erpressen. Soweit der Rahmen der Geschichte ...
 
  Mir war Newton Thornburg bislang kein Begriff, auch „Cutter und Bone“ nicht. Das Begleitschreiben des Verlegers machte mich neugierig und Google half weiter – und verwies mich auf höchst lobende Erwähnungen im 'Guardian' und im 'Independent'.
 
  Obwohl ich immer wieder auf Passagen stiess, die mir bestens gefielen, sprach mich die Geschichte lange nicht besonders an. Das von den Kritikern gepriesene Porträt des vielschichtigen Cutter langweilte mich – ich sah in dem Mann nichts anderes als einen psychopathischen Kotzbrocken und solche interessieren mich nun einmal nicht, weder im richtigen Leben, noch in der Literatur.
 
  Doch dann packte mich das Buch plötzlich, wähnte ich mich vor Ort in Kalifornien. Das hatte – vermute ich mal – mit Schilderungen wie dieser zu tun „... denn das eigentliche Südkalifornien bestand nur aus Sommer und Herbst, mit gelben Hügeln, kahlen braunen Bergen und verdorrten Tälern, ein trockenes Land, die Heimat des Kondors“. Und mit Sätzen wie diesem: „Wenn Bone überhaupt etwas in der Highschool gelernt hatte, dann, wie wichtig anfängliche Entscheidungen waren, diese sorglosen ersten Schritte, die vom einen zum andern führten, und ehe man sich's versah, befand man sich in einer elenden Tretmühle.“ Und es hatte mit Szenen zu tun, die ich schlicht hinreissend fand: „Nachdem Cutter gegangen war, genehmigte sich Bone einen zweiten Drink an der Bar und bestellte ein Sandwich mit Corned Beef, für das er aber, wie er Murdock mitteilte, nicht den vollen Preis bezahlen würde, weil das Brot alt war und das Fleisch an den Rändern grünlich schimmerte. Dann ass er es allerdings ganz auf, womit er seine Einwände entkräftete.“
 
  Newton Thornburg versteht es ausgezeichnet, Menschen zu schildern. Kein einziger seiner Charaktere ist simpel gestrickt; alle umgibt eine tragische Verstrickung ins eigene Schicksal, die unauflösbar scheint.
 
  Ein Page Turner ist „Cutter und Bone“ nicht. Dafür ist die Geschichte zu konstruiert. Doch sie ist durchsetzt mit enorm starken Szenen – ich will hier nicht allzu viel vorwegnehmen, deshalb nur ein paar Andeutungen: etwa als Cutters Haus niederbrannte, oder wie sowohl Bone als auch Cutter Wolfes Erpressung handhabten oder die Schlussszene. Das ist bewegend und großartig.
 
 PS: Im Vorwort schreibt Thomas Wörtche: „Und man kann und soll und muss 'Cutter und Bone', gerade wenn es um Niveaudiskussionen bei der Kriminalliteratur geht, als eines der schlagenden Beispiele dafür anführen, was Kriminalliteratur alles kann und ästhetisch alles ist.“ Ästhetisch alles ist? Das hat sich mir auch nach der Lektüre nicht erschlossen …

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