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Frédéric Beigbeder
Oona und Salinger
(Oona & Salinger)

Piper
2015
Übersetzt von Tobias Scheffel
304 Seiten
ISBN-13: 978-3492054157
€ 19,99


Von Hans Durrer am 19.06.2015

  Dieses Buch wird vom Verlag als Roman bezeichnet, doch es ist kein rein fiktives Werk, vielmehr handelt es sich um „Faction“ und das meint, so der Autor: „Die Orte existieren (oder haben existiert), die Figuren sind real, die Ereignisse authentisch und die Daten in Biografien oder Geschichtsbüchern nachprüfbar. Der Rest entspringt meiner Vorstellungskraft ...“.
 
  „Oona & Salinger“ handelt von der kurzen Beziehung im Sommer 1941 zwischen J.D. Salinger, dem legendären Autor des Klassikers „Der Fänger im Roggen“ und Oona O'Neill, der einzigen Tochter des Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Eugene O'Neill, die ihren Vater – ihre Eltern liessen sich scheiden – jedoch nur selten sah, obwohl sie sich immer wieder um den Kontakt zu ihm bemühte. Oona gilt als Salingers ganz grosse Liebe.
 
  Es sei gleich gesagt, „Oona & Salinger“ ist ein tolles Buch. Das liegt nicht zuletzt an Beigbeders Ton. „Der Beginn ist ein völliger Reinfall. Stellen Sie sich vor, Sie sind das It-Girl von New York und Ihre Mutter stellt Ihnen einen grossen mageren Kerl vor, der mühsam atmet und die Kiefer aufeinanderpresst. 'Wir haben uns schon mal gesehen, erinnern Sie sich nicht an mich?' Nein, sie erinnert sich nicht an ihre erste Begegnung im Stork Club. Leute, die viel ausgehen, darf man nie fragen: 'Erinnerst du dich an mich?' Natürlich erinnern sie sich nicht, Dummkopf. Sie treffen jeden Abend dreihundert Leute! Jerry ist gekränkt.“
 
  Wie gesagt, „Oona & Salinger“ ist wesentlich das Buch von Beigbeders Vorstellungskraft und diese orientiert sich natürlich auch an seiner Lebenserfahrung, die unter anderem in so schöne und treffende Beobachtungen mündet wie „Wenn zwei Zungen sich berühren, geschieht manchmal nichts. Aber manchmal geschieht etwas ...“ oder „Die Liebe entsteht aus einer unwillentlichen Liebkosung, einem unkontrollierten Ausrutscher.“
 
  Besonders gut gefallen hat mir, dass der Autor den Leser am Prozess seines Schreibens teilnehmen lässt. Als er etwa schildert, wie sich die beiden in Point Palisades näherkommen, unterbricht er plötzlich den Erzählfluss und notiert: „Gerade hat sich etwas Seltsames ereignet. Als ich dabei war, mir Jerry Salinger und Oona O'Neill in Point Pleasant vorzustellen, beschliesse ich, eine Pause zu machen, ich schalte den Fernseher ein und ... sehe den verwüsteten Strand von Point Pleasant. Ein Orkan namens Sandy ist über den Ort hinweggezogen. Die Planken der Uferpromenade auf der Jerry Oona emporgehoben hat, sind wie Strohhalme davon geflogen und liegen wie ein Mikadospiel übereinander, die Swimmingpools der Häuser sind voller Sand, das Riesenrad ist ...“.
 
  Am Ende des Sommers meldet sich Salinger zur Armee, Oona zieht zu ihrer Mutter nach Hollywood, sie will Schauspielerin werden.
 
  „Sie las Jerrys Briefe, aber antwortete nicht. Sie wusste, dass es zwischen ihnen aus war und diese Geschichte für ihn nur deshalb zur Obsession geworden war, weil er sich in einem Militärschlafsaal befand.“ Sie lernt Orson Welles kennen, der ihr die Hand liest und eine Begegnung mit einem älteren Mann prophezeit, jedoch nicht sich selber, sondern Charlie Chaplin meint. Und so kam es dann ja bekanntlich auch. Die Orson Welles-Anekdote ist übrigens verbürgt.
 
  Oona ist 17 als sie auf Chaplin trifft, er 54. Wie Beigbeder das Zusammentreffen der beiden schildert, lohnt allein schon die Lektüre dieses gut geschriebenen, einfallsreichen, informativen, witzigen und bewegenden Buches.

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