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Elif Shafak
Ehre
(Honour)

Kein & Aber
2015
Übersetzt von Michaela Grabinger
528 Seiten
ISBN-13: 978-3036959320
€ 12,90


Von Hans Durrer am 19.06.2015

  Mir ist nicht klar, weshalb einige Bücher lange ungelesen auf meinem Bücherstapel liegen und andere nicht. Eine meiner Vermutungen geht in die Richtung, dass ich Zuschreibungen wie „gehört zu den meistgelesenen Schriftstellern in der Türkei“ nicht nur misstraue (wie will man das eigentlich messen? Dass gekaufte Bücher auch gelesen werden, ist häufig eine falsche Annahme), sondern sie mich eher skeptisch machen (gehen Erfolg und Qualität wirklich zusammen? Ja natürlich, manchmal). Im Fall von Elif Shafaks „Ehre“ erwiesen sich meine Voreingenommenheiten als gänzlich unbegründet. Hätte ich geahnt, was für ein Lesevergnügen da auf mich wartet, hätte ich das Buch viel, viel früher zur Hand genommen.
 
  Die Zwillinge Pembe und Jamila kommen als Töchter Nummer sieben und acht eines armen Paares in einem kargen und weit abgelegenen kurdischen Dorf ohne Strassen und Elektrizität zur Welt. Als Leser glaubt man sich vor Ort und kann ohne weiteres die dortige Stimmungslage nachvollziehen – ich jedenfalls hatte dieses Gefühl. Und das hat natürlich mit Elif Shafaks Erzählkunst zu tun.
 
  Der Grossstadtjunge Adem kommt ins Dorf, verliebt sich in Jamila, will sie heiraten, ist sich jedoch nicht sicher, ob sie noch Jungfrau ist, und heiratet deswegen Pembe, mit der er nach London zieht, wo Pembe bei reichen Leuten putzen geht und Adem dem Glücksspiel und einer russischen Tänzerin verfällt.
 
  Jamila bleibt im Dorf, als „jungfräuliche Hebamme“ und Heilerin.
 
  In einer Bäckerei, in der Pembe („Pembe war noch nie einem Rassisten begegnet, und die Vorstellung, man könnte einen anderen Menschen wegen seiner Hautfarbe, Religion oder sozialen Herkunft hassen, empfand sie als ähnlich absurd wie Schnee im August.“) zum Opfer einer rassistischen Verbalattacke wird, lernt sie den geschiedenen Koch und Restaurantbesitzer Elias kennen, der ihr beisteht.
 
  Zur gleichen Zeit verknallt sich die Schülerin Katie Evans in Pembes Sohn, dem zu Wutausbrüchen neigenden Iskender.
 
  Pembe und Elias werden ein Paar; der sechzehnjährige Iskender schwängert die sechzehnjährige Katie; Pembe, die Unheil kommen ahnt, bitte ihre Zwillingsschwester Jamila nach London zu kommen, wo dann ... doch dies soll hier nicht verraten werden ...
 Doch dies ist nur die Rahmenhandlung. Es gibt noch ganz viele andere Erzählstränge (der Redner, der Iskender für einen strengen Islam gewinnen will; Yunnus, der sich aus Liebe zu seiner tätowierten Freundin ein Tattoo stechen lässt; Rassismus, sogenannt westliche Dekadenz; Schmuggler in der Türkei etc. etc.) in diesem spannend erzählten Buch, für meinen Geschmack etwas gar viele. Nicht wirklich erschlossen hat sich mir auch, was genau die Ehre dermassen verletzen kann, dass ... doch auch hier will ich nicht vorgreifen ...
 
  Die Geschichte spielt einerseits in London, dann wieder in der Türkei und immer mal wieder erfährt man so nebenbei Dinge wie, dass es seit jeher so war, „dass die Toten in Istanbul in den grünsten Gegenden mit dem besten Blick auf die Stadt wohnten.“ Sehr schön übrigens auch, wie die Autorin den Alkoholismus auf den Punkt bringt: „Adem war seine ganze Kindheit durch zwischen zwei Vätern hin und her gerissen: seinem nüchternen 'Baba' und seinem besoffenen 'Baba'. Beide Männer lebten im selben Körper, aber sie waren unterschiedlich wie Tag und Nacht.“ Ganz wunderbar auch diese Stelle hier: „Es gab viel Merkwürdiges an den Menschen. Sie fanden Insekten widerlich, freuten sich aber, wenn ein Marienkäfer auf ihrer Hand landete. Sie verabscheuten Ratten, aber liebten Eichhörnchen. Während sie den Geier als widerwärtig empfanden, beeindruckte sie der Adler. Sie hassten Mücken und Fliegen, liebten jedoch Glühwürmchen. Und obwohl Kupfer und Eisen medizinisch bedeutsam waren, beteten sie das Gold an. Den Steinen unter ihren Füssen schenkten sie keine Beachtung, waren aber verrückt nach geschliffenen Juwelen.“
 
  Elif Shafak ist eine ungemein begabte Erzählerin und „Ehre“ zu lesen, lohnt sich ganz unbedingt.

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