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Henry James
Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren

Manesse
2015
Übersetzt von Friedhelm Rathjen
416 Seiten
ISBN-13: 978-3717523062
€ 26,95


Von Hans Durrer am 08.05.2015

  Henry James ist für mich eine neue Entdeckung, sein „Washington Square“ war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Und zwar mit Begeisterung. Weshalb ich denn auch „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ interessiert angegangen bin – und auch hier wieder fand, was ich in „Washington Square“ so geschätzt habe: höchst zivilisiertes Umgehen miteinander, Eloquenz, wohl formulierte Sätze, feiner Witz, grosses psychologisches Gespür. Was mir diesmal fehlte, war die Spannung. Bei „Washington Square“ fühlte ich mich richtiggehend in einem Sog gefangen, war begierig zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht, bei diesen Erzählungen hatte ich das nicht. Unterhaltend waren sie dennoch, vor allem „Louise Pallant“ sowie die Titelgeschichte „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“.
 
  In „Louise Pallant“ trifft der Erzähler in Bad Homburg auf seine frühere Liebe Louise. Sie hatte ihn damals „der vagen Aussicht auf Fleischtöpfe wegen“ verlassen. Zwischen Archie, dem Neffen des Erzählers, und Louises verführerischer Tochter Linda bahnt sich etwas an, sehr zum Missfallen von Louise. Sehr schön bringt dies die Literaturkritikerin Maike Albath in ihrem Nachwort zum Ausdruck: „James lässt seinen unzuverlässig wirkenden Beobachter Mutmassungen darüber anstellen, ob es sich bei den 'Verdammungsreden' Louisas nicht um hysterische Übertreibungen einer eifersüchtigen Mutter handeln könnte. Es kommt zu einem Changieren, wie es für James typisch ist; eine eindeutige Klärung bietet er nicht.“
 
  Diese fehlende Eindeutigkeit fasziniert mich, doch noch mehr sagen mir die einfühlsamen und gescheiten Beobachtungen zu, auf die man in diesem Buch in schöner Regelmässigkeit trifft (und mich so recht eigentlich mehr bewegen als James' literarische Kunst). Ein Beispiel: „Die Jugend ist seltsam; sie verfügt über Hilfsmittel, die uns mit wachsender Erfahrung genommen zu werden scheinen. Eines davon besteht (im speziellen Fall) schlicht und einfach darin, nichts zu tun – nichts zu sagen. Wenn wir älter und schlauer werden, meinen wir, das sei zu einfach, zu primitiv, wir verstellen uns auf komplizierte Weise, allerdings mit weit weniger durchschlagendem Erfolg.“ Auch James' Geschichten scheinen mir von solchen komplizierten Verstellungen geprägt.
 
  Die Titelgeschichte „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ hat mich am meisten überzeugt. Der zweiundfünfzigjährige Erzähler, ein englischer General im Ruhestand, kehrt nach siebenundzwanzig Jahren nach Florenz zurück, wo seine Liebe zur Gräfin Salvi in einer verpassten Leidenschaft endete. Er wird im Hause der Tochter, der Contessa Salvi-Scarabelli, vorstellig, wo er auf den jungen Mr. Stanmer trifft, der ihn an sich selbst in jungen Jahren erinnert und den er nun (angeblich) vor den berechnenden italienischen Frauen warnen will. Äusserst gekonnt führt James hier vor, wie sprachliche Eloquenz und Zivilisiertheit dazu dienen können, sich einerseits selber zu schützen und andererseits andere zu ersticken, ihnen Gewalt anzutun.
 
  Was diese Ausgabe unter anderem auszeichnet ist Maike Albaths kenntnisreiches Nachwort, in dem man auch viel Wissenswertes über die Familie James erfährt. Aufgegangen ist mir dabei unter anderem (wieder einmal), dass Sublimierung nicht nur das eigene Leben nicht zulässt, sondern auch das der anderen nicht.

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