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Jean-Christophe Rufin
Katiba
Zwischen zwei Fronten

Fischer
2015
416 Seiten
ISBN-13: 978-3596191536
€ 10,99


Von Hans Durrer am 03.05.2015

  In Nordafrika versteht man unter „Katiba“ ein islamistisches Trainingslager oder Terroristencamp, das ständig seinen Standort und seine Mitglieder ändert. Da werden Terroranschläge geplant und Untergrundkämpfer aus ganz Westafrika ausgebildet. Der 1952 geborene Autor Jean-Christophe Rudin war von 2007 bis 2010 französischer Botschafter in Senegal und kennt also Westafrika aus eigener Anschauung; zudem verfügt er, gemäss „L'Express“ über „Insiderwissen über den internationalen Terrorismus.“
 
  Vier europäische Terroristen sollen in der Sahara als Geiseln genommen werden, doch es geht schief, die Touristen werden ermordet. Al-Qaida bekennt sich zur Tat.
 
  In einer westafrikanischen Katiba werden weitere Anschläge geplant. Dabei soll Jasmin helfen, die in Paris im französischen Aussenministerium angestellt ist und vor Jahren mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann in Mauretanien eine kleine NGO führte. Und die ... doch das soll hier nicht verraten werden ...
 
  Ein kanadischer Arzt aus Toronto mit Decknamen Dimitri soll für die in Belgien ansässige private Geheimdienstagentur Providence im mauretanischen Nouakchott eine Gruppe islamistischer Ärzte infiltrieren.
 
  Und dann gibt es da noch den geheimnisvollen Kadar, halb Schwarzhändler, halb Terrorist, der mit Jasmin bekannt ist.
 
  Was „Katiba“ für mich besonders lesenswert macht sind Beschreibungen wie etwa die von Nouakchott: „Stadtbezirke wucherten gemäss einem geometrischen Plan, von keinem natürlichen Hindernis begrenzt, ausser den Dünen, die die Stadt vom Meer trennten. Das Fehlen eines Denkmals oder geschichtlicher Wurzeln, der Stempel der Unordnung, den die Nomaden, die sich in dieser leeren Hülle versammelt hatten, ihm aufgedrückt hatten, geben dem Ort einen postmodernen Charme, dem Dimitri auf den ersten Blick erlegen war.“
 
  Doch nicht nur geografisch, sondern auch sicherheitspolitisch werde ich aufgeklärt. „Die Westregion der Sahara, die von Mauretanien bis zum Tschad reicht, erstreckt sich über Algerien, Mali und Niger, und hat eine Gesamtfläche so gross wie ganz Europa, besteht aber nur aus Sand. Niemand bewacht die Grenzen, und alle möglichen Leute – Tuareg, Schmuggler, Islamisten – marschieren völlig ungestört in diesem riesigen Gebiet herum. Dschihadistische Gruppen leben als Nomaden in dieser Region im südlichen Algerien und im nördlichen Mali.“
 
  Und darüber wie das globale Navigationssatellitensystem GPS das Leben in der Wüste verändert hat. Und darüber, dass der Mercedes das mauretanische Fahrzeug 'par excellence' ist. „Deutsche Taxis, die zuerst nach Albanien verkauft werden, landen, wenn sie ungefähr eine Million Kilometer auf dem Buckel haben, in Mauretanien, um dort ihre dritten Lebensabschnitt zu fristen. Dort werden sie praktisch unsterblich. Wie aasfressende Vögel, die von Kadavern leben, haben diese Uralt-Fahrzeuge den Bauch voller Ersatzteile, die noch älteren Modellen entnommen wurden.“
 
  Jean-Christophe Rufin versteht es meisterhaft die Spannung zu steigern. Überzeugend ist zudem seine höchst differenzierte und plausible Darstellung von Menschen und Umständen: nichts ist simpel und gradlinig, alles ist verwickelt und immer anders, als der Leser anfangs vermutet.
 
  „Katiba“ ist ein Buch, das man mit Gewinn liest – nur schon, wie gekonnt der Autor die Arbeit eines Profilers schildert, lohnt die Lektüre. Und dann die Ausführungen über den Stolz der Mauretanierinnen. Und über Dimitris Kollegin Audrey, die am liebsten Männer hat, die „konfus, intelligent, und gutaussehend“ sind ...
 
  Fazit: ein tolles Buch, voller überraschender Wendungen, das den Horizont weitet.

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