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Fritz J. Raddatz
Jahre mit Ledig

Rowohlt
2015
160 Seiten
ISBN-13: 978-3498057985
€ 16,95


Von Hans Durrer am 21.04.2015

  Heinrich Maria Ledig-Rowohlt hatte die Idee für die rororo Tachenbücher, die eigentliche Selbstgänger waren, den verschuldeten Rowohlt Verlag sanierten und so bekannt wurden, dass, als der S. Fischer Verlag eine eigene Taschenbuchproduktion auflegte, die Leute in den Laden gingen und ein „rororo von Fischer“ verlangten. Für an der Geschichte des Verlagswesens im Nachkriegsdeutschland Interessierte ist Fritz J. Raddatz' letztes Buch, „Jahre mit Ledig“ ein Muss. Auch weil man da unter vielem anderen so treffende Bemerkungen zur Frankfurter Buchmesse findet wie diese: „Auf der Messe haben immer alle die Grippe – das ist eine Krankheit, die aus den Folgen von Aufregung, zu viel Zigaretten, zu viel Reden, zu viel Alkohol und zu wenig Schlaf besteht.“
 
  Als Raddatz die Stelle als Stellvertreters des Verlegers bei Rowohlt angeboten wird, ist er im siebten Himmel. „Und ich steuerte in das phantastischste, phantasievollste Chaos meines Lebens, in eine fremdschöne, unheimlich-rätselvolle Liebesbeziehung, lasterlos, aber voller Hingabe: an die Literatur.“
 
  Doch der junge Mann aus dem Osten wird nicht rundum mit offenen Armen empfangen. Wie überall gibt es Neider und Konkurrenten.
 
  „Ich hatte die Ideen, und es war Ledig, der das ermöglichte. Tatsächlich war es eine Ehe. Der Ältere liebte, der Jüngere verehrte.“ Eine homosexuelle Beziehung war es jedoch nicht.
 
  „Jahre mit Ledig“ ist spannend und höchst amüsant zu lesen. Raddatz beschreibt seinen Förderer als Mensch, dem zweierlei wichtig war: Literatur und viel Geld. Darüber hinaus verfügte er über einen „anarchischen Instinkt, Mächtigen zu trotzen“.
 
  Ledig-Rowohlt war alles im Übermass: eitel, nachtragend, grosszügig, trunken, voller Widersprüche – ein Literatur-Besessener und Besserwisser, der keine Besserwisser ertrug, weil er sie fade fand, und das war er selber nicht, ganz im Gegenteil.
 
  Raddatz schildert eine Zeit, in der nicht wie heute die Buchhalter regierten und „geschäftliche Besprechungen ohne Whiskey, Gin, Vodka unvorstellbar“ waren. Und wie schon in seinen Tagebüchern ist er von einer faszinierenden Indiskretheit, die selten ist. Und nimmt sich dabei (und auch seine Fehleinschätzungen) keineswegs aus.
 
  „Jahre mit Ledig“ ist ganz wunderbar geschrieben, und ganz besonders wunderbar schildert Raddatz sein Essen, möglich gemacht durch Ledig, mit der von ihm so sehr bewunderten Marlene Dietrich. „Sie war klug, sie war schlau, sie war von überraschend unkonventioneller Nähe – und entfernte sich sekundenschnell, wenn es um Marlene Dietrich ging.“
 
  Auch Raddatz' Nachruf ist am Schluss dieses schön gemachten und mit ansprechenden Fotos ausgestatteten Bandes auszugsweise wiedergegeben. Darin findet sich auch die hellsichtige Bemerkung, Ledig habe nicht nur Autoren gepflegt, sondern sei „selber ein Autor. Das mag das Geheimnis dieses Lebens gewesen sein – ein Autor, der nicht schrieb (aber hervorragend übersetzte).“

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