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Dave Eggers
Der Circle
(The Circle)

Kiepenheuer & Witsch
2014
Übersetzt von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
560 Seiten
ISBN-13: 978-3462046755
€ 22,99


Von Hans Durrer am 23.03.2015

  Die 24jährige Mae Holland hat einen langweiligen Job bei den Strom- und Gaswerken, als ihr von ihrer Studienfreundin Annie ein Job beim 'Circle', einem kalifornischen Internetkonzern, angeboten wird. An Maes erstem Arbeitstag wissen dort alle schon, wer sie ist und was sie gerne macht. Das Konzept von 'Circle' heisst 'TruYou': „Ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem pro Person.“ Mae ist in der gläsernen Welt gelandet, in der niemand vor den anderen Geheimnisse hat, alle das Gleiche wollen und alle glücklich sind.
 
  In der 'Circle'-Welt ist alles vollkommen: „Die besten Leute hatten die besten Systeme gemacht, und die besten Systeme hatten Geldmittel eingebracht, unbegrenzte Geldmittel, die das hier möglich machten: den allerbesten Arbeitsplatz. Und es war ganz logisch, dass dem so war, dachte Mae. Wer könnte Utopia bauen, wenn nicht Utopisten?“
 
  Das Problem mit Voraussagen über die Zukunft, so sagen die Chinesen, sei, dass sich die Zukunft so schlecht voraussagen lasse. Und genau so ist es auch mit der 'Circle'-Utopie. Was als Befreiung gedacht war und sich auch einmal so angefühlt hatte („Transparenz bringt Seelenfrieden, wie wir alle hier beim 'Circle' wissen“), wird zunehmend ins Gegenteil verkehrt: ständig wird von den 'Circle'-Mitarbeitern etwas erwartet. Wobei die Teilnahme an diesem und jenem nicht genügt, auch Begeisterung wird verlangt.
 
  Eine Atmosphäre der Angst und des Angespanntseins regiert den 'Circle'. Besonders eindrücklich wird das am Beispiel von Annie, die Mae angeworben hat und zur Top-Riege des Unternehmens gehört, dargestellt. Die beiden waren zusammen schnell (alles muss schnell gehen) essen. Dabei sagt Annie etwas über einen Kollegen, das sie offenbar lieber nicht gesagt hätte. Ganz aufgeregt schickt sie Mae innert kürzester Zeit zig Mails, die zunehmend wirrer und aufgelöster klingen – sie sind Ausdruck einer von Panik terrorisierten jungen Frau, die völlig aus dem Gleichgewicht und drauf und dran ist, den Verstand zu verlieren.
 
  „Um zu heilen, müssen wir wissen, um zu wissen, müssen wir teilen“, liest Mae in der Klinik, in der sie sich zum vierzehntäglichen Check-up einzufinden hat. Die totale Transparenz entpuppt sich nach und nach als Total-Kontrolle.
 
  Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Diesem Motto huldigen heutzutage viele. Und entziehen damit dem Vertrauen die Grundlage. Wie problematisch das ist, zeigt Dave Eggers in seinem spannenden Buch.
 
  „Der Circle“ ist nicht zuletzt deswegen eine beklemmende Lektüre, weil es auch plausible Argumente für umfassende Transparenz liefert, und auch durchaus einleuchtend begründet, weshalb privates (privare heisst ja bekanntlich berauben) Tun Elemente des Diebstahls aufweist.
 
  Das Circle-System beruht auf Anreiz und Belohnung, Zwang und Bestrafung. Alle sind darin gefangen, müssen mitmachen. Geheimnisse sind verpönt, Alleingänge – uns sei es ein Ausflug mit dem Kajak – werden einem vorgehalten. „Ist dir klar, dass Kajaken eine Drei-Millionen-Branche ist? Und du sagst, es geht 'bloss ums Kajaken'! Mae, begreifst du nicht, dass das alles zusammenhängt? Du spielst deinen Part. Du musst part-izipieren.“
 
  Doch da gibt es auch Kalden, der zwar beim Circle zu arbeiten scheint, doch nirgendwo registriert ist. Mae verbringt eine Nacht mit ihm, doch als sie am nächsten Tag die Telefonnummer wählt, die er ihr gegeben hat, meldet sich da niemand. Als Annie sich nach Kalden erkundigt, weicht Mae aus, greift zu Lügen. Plötzlich meldet sich Kalden wieder. Und dann taucht auch Maes Ex-Boyfriend Mercer, der den Circle gefährlich findet, wieder in ihrem Leben auf ... es bleibt spannend bis zum Schluss.
 
  Vieles, was Eggers beschreibt, kommt einem bekannt vor, ist so recht eigentlich bereits Realität. Das Verschwinden der Privatsphäre etwa. Oder der Konformitätsdruck, dem wir uns mehr oder weniger freiwillig, jedenfalls ohne nennenswerten Widerstand, unterwerfen. Dass der Autor sein Handwerk versteht, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er immer wieder neue Aspekte des gläsernen Menschen ins Spiel bringt und damit die Spannung aufrecht zu erhalten vermag.
 
  „Der Circle“ erinnerte mich unter anderem an einen meiner früheren Chefs, der, als ich meine Stelle ganz unterschiedlicher Auffassungen wegen bereits nach zwei Monaten wieder kündigte, völlig baff meinte: „Ich verstehe Sie nicht, wir wollen doch alle dasselbe!“ „Und das wäre?“, fragte ich. „Erfolg!“, erwiderte er. Dass er und ich Erfolg möglicherweise verschieden definieren könnten, darauf kam er gar nicht.

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