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Andrea di Nicola / Giampaolo Musumeci
Bekenntnisse eines Menschenhändlers
Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen
(Confessioni di un trafficante di uomini)

Antje Kunstmann
2015
Übersetzt von Christine Ammann
208 Seiten
ISBN-13: 978-3956140297
€ 18,96


Von Hans Durrer am 10.03.2015

  Internationaler Menschenhandel ist ein Riesengeschäft, der Preis pro Flüchtling beläuft sich auf bis zu 10'000 Euro. Der Kriminologe Andrea di Nicola und der Journalist Giampaolo Musumeci haben mit Männern gesprochen (Frauen spielen in diesem Geschäft offenbar keine – oder noch keine – Rolle), die die illegale Einwanderung kontrollieren.
 
  Man müsse sich, so die Autoren, von der Vorstellung verabschieden, bei Schleusern handle es sich um kleine Gauner. In Tat und Wahrheit handle es um eine höchst geschäftstüchtige Branche. „Ihr Geschäft beruht auf Vertrauen und dem gegebenen Wort. Und strukturiert sich dabei blitzschnell neu: Ist das eine Netzwerk aufgeflogen, bildet sich auf der Stelle ein neues.“
 
  Da ist zum Beispiel Aleksandr, Kapitän, 1971 in Sibirien geboren. Er wurde übers Internet rekrutiert. Er weiss über seine Arbeitgeber nichts, diese jedoch fast alles über ihn. So ist das prinzipiell in diesem Geschäft: die Drahtzieher bleiben im Dunkeln. Sie sorgen dafür, dass nicht auf sie zurückgeschlossen werden kann. Nach Monaten des Wartens (weil gerade hundertzwanzig Flüchtlinge ertrunken sind, hat die Polizei die Kontrollen verschärft), führt Aleksandr ein Boot mit einunddreissig jungen Männern aus Afghanistan und Irak nach Apulien über. Er wird verhaftet und muss für vier Jahre und acht Monate ins Gefängnis.
 
  Die Kapitäne, lernt man in diesem Buch, sind die kleinen Fische, die den staatlichen Fahndern zum Frass vorgeworfen werden. Und dass die Flüchtlingsströme aus Syrern, Kurden, Afghanen und Pakistani alle im Süden der Türkei landen. Und es deshalb in Istanbul mehrere von auf Menschenschmuggel spezialisierte Organisationen gibt.
 
  Andrea di Nicolas und Giampaolo Musumecis „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ berichten auch davon, dass die beliebtesten Abfahrtorte nach Italien (zur Zeit der Niederschrift dieses Buches) nicht in Libyen, sondern in Tunesien liegen, und zwar sind es Sfax, Kerkenna, Zarzis und Djerba. Anschaulich schildern die beiden Autoren dabei die Rolle der Akquisiteure, der Kapitäne und der Koordinatoren. Und was macht eigentlich die Polizei? Dazu meint ein Kapitän: „Die haben schliesslich auch Familie, oder? Sie haben Angst. Hinterher haben sie gerade Feierabend gemacht und kriegen noch ein Messer zwischen die Rippen. Oder ihre Frau wird bedroht. Ich bin hier wer, so viel habt ihr kapiert, oder?“
 
  „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ liefert notwendige Aufklärung. Auch weil endlich einmal klargemacht wird, dass es nicht nur Lampedusa gibt. „Wenn man die Zeitungen liest, könnte man geradezu glauben, die irregulären Flüchtlinge würden Italien und Europa nur über diese Insel erreichen. Aber das stimmt nicht: Nur verhindert die Medialisierung, die uns vom Wesentlichen ablenkt, dass wir das Phänomen in seiner Gesamtheit erfassen.“
 
  Um diese Gesamtheit haben sich di Nicola und Musumeci verdient gemacht. So zeigen sie unter anderem, wie raffiniert südamerikanische Schleuser vorgehen: da kommen etwa Reisegruppen für sieben Tage nach Europa. Die Hotels in Bologna, Rom und Florenz werden im Voraus bezahlt, der Flug nach Mailand sowie der Rückflug nach Asunción, Paraguay sind gebucht. So weit so gut. Wo liegt das Problem? Nun ja, gebucht wurde zudem für dieselbe Zeit ein Einfachflug von Italien nach Spanien. „Wer die italienischen Grenzkontrollen einmal hinter sich hat, kann sich in den sechsundzwanzig EU-Ländern, die dem Schengenraum bisher beigetreten sind, frei bewegen.“
 
  Noch raffinierter als die südamerikanischen gehen die chinesischen Schleuser zu Werke. Und davon liest man in den gängigen Medien so ziemlich gar nie etwas. Dafür jedoch in diesem Buch – ein guter Grund, es zu lesen.

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