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Erich Hackl
Drei tränenlose Geschichten

Diogenes
2014
160 Seiten
ISBN-13: 978-3257068849
€ 18,90


Von Hans Durrer am 13.11.2014

  Erich Hackls Schreiben war mir bislang nicht bekannt. Auf dem Schutzumschlag lese ich, dass „Auroras Anlass“ und „Abschied von Sidonie“ Schullektüre seien. Vielleicht war mir Hackls Schaffen ja auch deshalb nicht bekannt, denn für mich ist Schullektüre keine Empfehlung, für mich meint das: inhaltlich harmlos. Im Falle von „Drei tränenlose Geschichten“ trifft das nicht zu.
 
  Was mich der Verlag auch noch wissen lässt: der Autor studierte Germanistik und Hispanistik, seine Erzählungen basieren auf authentischen Fällen. Das klingt nach Reportage. Und das mag ich. Gleichzeitig bin ich skeptisch: was kann man schon wirklich über Vergangenes wissen?
 
  Schon bei der ersten Geschichte (Familie Klagsbrunn) geht mir schnell auf, dass mir mit Hackls Schreiben etwas entgangen ist, denn da stosse ich auf Sätze, die mich sofort ansprechen („... und ich war nach den ersten Tagen in Rio einigermassen überrascht, dass die Einwohner gar nicht dem Bild entsprachen, das ihnen gemeinhin zugeschrieben wird.“) und werde darüber aufgeklärt, wie der Autor vorgeht. „Und er erzählte mir seine Geschichte, und Marta die ihre, die gemeinsame. Eine Verfolgungsgeschichte, schlimmer als die seiner Eltern und Grosseltern. Ich will die eine wie die andere so wiedergeben, wie ich sie gehört und in Erinnerung behalten habe, wie Victor und ich ihr zwei Monate später in Wien nachgegangen sind und wie wir sie seither in einem Frage-Antwort-Karussell zwischen hier und dort rekonstruiert haben: in ihre Eckdaten, einigermassen dürftig, wenig anschaulich, ohne Emotionen, die man sich dazudenken muss.“ So lasse ich mir Historisches gerne gefallen!
 
  Die Familie Klagsbrunn flieht 1938 aus Nazi-Österreich und ist, wegen eines langen Aufenthalts in Lissabon, sieben Monate unterwegs bevor sie in Rio de Janeiro eintrifft. Victor und seine brasilianische Freundin Marta engagieren sich im Widerstand gegen die damalige Militärdiktatur, werden verhaftet, gefoltert und schliesslich nach Chile und von dort, als die Militärs am 11. September 1973 sich zur Macht putschen, nach Argentinien ausgeschafft. Später landen sie in Berlin und noch später wieder in Rio.
 
  Erich Hackl erzählt unprätentiös, differenziert, sprachlich gekonnt. Sein Text schildert, was er recherchiert und herausgefunden hat; er scheint an der Sache/dem Vorgefallenen mehr interessiert als an seiner Wahrnehmung. Das ist Aufklärung im besten Sinne des Wortes. Unter anderem lerne ich höchst Aufschlussreiches über Fotografie. „Menschen interessierten ihn nicht wirklich, genauer gesagt: Sie interessierten ihn so, wie ihn Gegenstände interessierten. Das ist, meint Victor, bei Fotografen keine Seltenheit.“ Und über Rio de Janeiro. „Mit seinen Buchten und Hügeln eine der anmutigsten Städte der Welt, hat es im Gegensatz zu São Paulo die Natur nicht aus sich verbannt und ist von einer Farbenpracht, die sich paradoxerweise in den Schwarzweissaufnahmen des Fotografen wiederfindet.“ Wegen solch hellsichtigen Beschreibungen lese ich Bücher. Und in Erich Hackls „Drei tränenlose Geschichten“ gibt es davon einige.
 
  Die zweite Erzählung in diesem Band handelt vom „Lagerfotografen“ Wilhelm Brasse, der selber Häftling in Ausschwitz war und überlebte, „erstens aus Zufall, wie prinzipiell jeder Häftling sein Fortleben dem Zufall verdankte, zweitens, weil sein Beruf dem Unternehmen nützte, drittens, weil er der deutschen Sprache mächtig war.“
 
  Die dritte Geschichte hat das Schicksal der österreichischen Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig zum Thema. Auch hier erzählt Hackl nüchtern, sachlich und tränenlos. Gefühle werden weitestgehend ausgespart und stellen sich vielleicht auch deswegen eindringlich ein.
 
  Die FAZ hat Erich Hackls als besessenen Rechercheur und Verfasser von literarisch-historischen Reportagen bezeichnet und das trifft es sehr gut. Selten, dass ich Reportagen so überzeugend finde.

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