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Edward St Aubyn
Der beste Roman des Jahres
(Lost for Words)

Piper
2014
Übersetzt von Nikolaus Hansen
256 Seiten
ISBN-13: 978-3492054355
€ 16,99


Von Hans Durrer am 18.09.2014

  Jedes Jahr soll mit dem Elysia-Preis der beste Roman des Jahres ausgezeichnet werden. Ebenso wichtig ist, dass mit der Preisverleihung dem innovativen, doch umstrittenen Agrarunternehmen Elysia, dem Umweltaktivisten unterstellen, seine Produkte verursachten Krebs, ein gutes Image verpasst wird.
 
  Die Jury wird vom Abgeordneten Malcolm Craig, einem gelangweilten Hinterbänkler, präsidiert, der jedoch hinsichtlich der anderen Jury-Mitglieder nicht konsultiert wurde und diese jetzt kennenlernt. Da ist einmal die Kolumnistin Jo Cross, ein „sprudelnder Quell mit Inbrunst vorgetragener Meinungen“, deren „grösste Leidenschaft die 'Relevanz' war.“ Dann die Oxbridge-Akademikerin Vanessa Shaw, die sich für „besonders gut Geschriebenes“ interessiert, sowie die eher mässig begabte Schriftstellerin Penny Feathers und der Schauspieler Tobias Benedict, dessen Qualifikation darin besteht, dass er gut vernetzt und „seit frühester Kindheit ein begeisterter Leser“ gewesen ist.
 
  Ich kannte von Edward St. Aubyn bisher erst „Nette Aussichten“, wo ich auf diese ganz wunderbare Schilderung über die Treffen von Selbsthilfegruppen gestossen bin (der Autor war offenbar früher heroinabhängig, weiss also, wovon er schreibt): „... muss ich um drei noch zu den Anonymen Drogensüchtigen.“ „ich weiss nicht, wie Du es schaffst, zu diesen Versammlungen zu gehen“, sagte Patrick. „Sind da nicht lauter grässliche Leute?“ „Na klar, aber das gilt für jeden Raum voller Menschen.“
 
  Unter den erfolglosen Bewerbern für die Longlist befindet sich auch Sonny, dessen Roman in Indien als Privatdruck erschienen ist sowie Katherine, deren Werk jedoch durch die Nachlässigkeit der Assistentin ihres Lektors nicht rechtzeitig an die Jury gelangte. Überraschenderweise schafft es jedoch das Kochbuch von Sonnys Tante sogar auf die Shortlist. worauf der enttäuschte Sonny auf Rache sinnt und die enttäuschte Katherine sich von ihren Liebhabern trennt.
 
  „Der beste Roman des Jahres“ ist ein sehr englisches Buch und das meint: gescheit, witzig und scharfsinnig, beste Unterhaltung also. Mit immer wieder ganz wunderbar spitzen Bemerkungen: „Ronald Reagan war gerade in Grenada einmarschiert, zumindest hatte er ein paar Marines dorthin geschickt ...“; „Vanessa suchte Zuflucht bei den Plattitüden ihres gesellschaftlichen Umfelds, über die erheblich leichter nachzudenken war als über die Entwicklung ihrer eigenen Kinder.“
 
  Meine Wertschätzung dieses Romans gründet einerseits auf seinen wunderbar lustigen Passagen („Das einzige Jury-Mitglied, zu dem Malcolm ein ungetrübtes Verhältnis hatte, was Tobias Benedict, dessen Flut von charmanten Postkarten, auf denen er seine leider unvermeidliche Abwesenheit begründete, aus Leeds und aus Sheffield, aus Manchester und Brighton herbeiströmte, derweil er durchs Land tourte und in einer Hip-Hop-Version von 'Warten auf Godot' den Estragon spielte.“), und andererseits auf Einsichten und Lebensweisheiten wie etwa dieser: „Tausend Therapiestunden bewirkten das Übliche: Sie verwandelten eine intellektuell offenkundige in eine emotional tief verwurzelte Wahrheit.“ Oder dieser: „Vielleicht war es das zwingende Merkmal einer Depression, dass man eine feindselige Position gegen sich selbst bezog, die einem – wie intim auch immer sie sein mochte – im Grunde wesensfremd war. Wir sind nicht auf die Welt gekommen, um uns in Selbsthass zu zerfleischen ...“.

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