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Bartholomäus Grill
Um uns die Toten
Meine Begegnungen mit dem Sterben

Siedler
2014
224 Seiten
ISBN-13: 978-3827500298
€ 19,99


Von Hans Durrer am 14.08.2014

  Bartholomäus Grill ist von Beruf Auslandskorrespondent und legt mit „Um uns die Toten“ seine Autobiografie vor, der rote Faden dabei ist der Tod. Das Buch ist seinem Bruder Urban gewidmet, der sich für den assistierten Freitod entschieden hat, bei den Sterbehelfern von Dignitas, in Zürich.
 
  Philosophieren heisst sterben lernen, so Michel de Montaigne. Bartholomäus Grill hat sich diese Einsicht zu eigen gemacht und im Älterwerden erfahren, dass wir der „Scheu vor dem Tode“ (wie wäre es mit Angst, Panik?) nicht entfliehen können. Es ist paradox: Je mehr wir den Tod aus dem Leben verbannen, desto stärker scheint unser Bedürfnis nach Orientierung und Sinn. „Peter Weiss, der in seinem 1961 erschienen Frühwerk 'Abschied von den Eltern' eine bittere Abrechnung hinterlassen hat, nannte das Schreiben den Versuch 'mit all unseren Toten in uns, mit unserer Totenklage, unseren eigenen Tod vor Augen, zwischen den Lebenden dahin zu balancieren.' Kein Satz könnte meine Beweggründe trefflicher ausdrücken.“
 
  Alles hat bekanntlich seine Zeit und auch unser Verhältnis zum Tod wandelt sich im Laufe der Jahre. Bartholomäus Grill berichtet, was ihm der Tod als Heranwachsender auf dem Bauernhof bedeutete, erzählt davon, wie er im Alter von neunzehn Jahren ein paar Winterwochen in einem Karmeliterkloster als Novize kokettierte, lässt uns teilhaben am Leben und Sterben seiner Schwester Maria Elisabeth, die schwerstbehindert, mit einem Wasserkopf, wie der Volksmund sagt, zur Welt gekommen war. Wir erfahren vom Sterben seiner Eltern, lesen von den Anfängen von AIDS in Afrika und davon, wie des Autors „Begegnungen mit dem Tod und seinen Gestalten“ zu seinem Abschied von der Amtskirche geführt haben.
 
  Der Tod trete von aussen in unsere Existenz, formulierte es Sartre; er ist uns fremd, abstrakt, nicht vorstellbar und unheimlich. Grills Buch versucht, ihn fassbar zu machen. Das tut er, indem er sein Leben anhand von Geschichten, die den Tod zum Thema haben erzählt. Es sind Geschichten, die sein Leben mitgeprägt haben. Etwa die Ermordung von John F. Kennedy am 23. November 1963 im texanischen Dallas. Oder der tragische Unfall, bei dem ein Bub im oberbayrischen Soyen zu Tode kam und den die „Schmierfinken der BILD versuchten ... zu einem biblischen Brudermord aufzubauschen.“ Es sind auch Geschichten, die der Reporter Grill während der Ausübung seines Berufs, erlebt hat. Etwa in Rumänien, im Dezember 1989, als er glaubt vor siebzehn zu Tode gefolterten Körpern zu stehen und erst im Nachhinein erfährt, dass sie aus der Leichenkammer des Kreiskrankenhauses gestohlen oder aus frischen Gräbern des Armenfriedhofs ausgegraben und von der Putschistenfraktion 'arrangiert' worden waren, um den Volkszorn gegen den Geheimdienst zu steigern. Herta Müller, die aus Rumänien stammende Nobelpreisträgerin für Literatur, belehrte ihn: „Die systematische Desinformation gehöre zum Wesen der Tyrannei, erklärte sie, die Menschen sollen nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit Fakten und Fiktionen unterscheiden können.“
 
  Als Korrespondent in Afrika sollte der Tod zu Grills ständigem Begleiter werden. „Der Kriegstod. Der Hungertod. Der Foltertod. Der Erschöpfungstod. Der Armutstod. Der Katastrophentod. Der Seuchentod.“ Verhungernde Kinder hat er als die schlimmste Form des Sterbens erlebt, denn so ein Tod liesse sich vermeiden.
 
 Schwer zu ertragen ist auch, was in Ruanda, wo 1994 innert hundert Tagen 800 000 Menschen ermordet wurden, vorgefallen ist. Als Journalist funktioniere man bei solchen Einsätzen gleichsam automatisch, berichtet er.
 
  Dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind, ist ein Gemeinplatz und führt selten zu mehr als zu kurzzeitigem Innehalten, ausser natürlich, das wahrscheinlich baldige Ableben, sei es wegen Krankheit oder hohem Alter, kann immer schlechter verdrängt werden. Unvergessen mein verstorbener Freund, der Journalist und Rechtsanwalt Ernst Müller-Meiningen junior, der mit über 90 Jahren schmunzelnd meinte: „Rasch tritt der Tod den Menschen an, und meist von links hinten.“
 
  Doch was ist zu tun? Ist verdrängen zu können nicht auch eine Gnade? Sicher, so lange das in Massen und nicht derart übertrieben geschieht wie es heutzutage gängig ist.
 
  Bartholomäus Grill zeigt mit seinem „Um uns die Toten“ eindrücklich auf, wie wir zu einem „normalen“ Verhältnis zum Tod (und damit natürlich immer auch zum Leben) kommen können: Indem wir einander Geschichten über den Tod und das Sterben erzählen.

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