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James Sallis
Nachtfalter
(Moth)

DuMont
2014
Übersetzt von Georg Schmidt
254 Seiten
ISBN-13: 978-3832162429
€ 8,99


Von Hans Durrer am 21.07.2014

  Lew Griffin ist ein ehemaliger Privatdetektiv, der nun als Schriftsteller ein zurückgezogenes Leben lebt, doch seine Vergangenheit holt ihn ein. Seine Freundin LaVerne ist tot, ihre Tochter Alouette spurlos verschwunden, er fühlt sich verpflichtet, der Sache nachzugehen. Es wird eine Sturzfahrt in die Abgründe von New Orleans und der menschlichen Seele.
 
  Alouette, erfährt Griffin, ist bei den Drogen gelandet, zuletzt beim Crack. „... und ich kenn keinen, der von dem Scheiss nicht irre wird“, sagt einer, der mal mit ihr zusammen gewesen ist.
 
  Doch James Sallis erzählt keine geradlinige Geschichte darüber, wie der ehemalige Detektiv und heutige Schriftsteller und Literaturdozent Griffin seinen Fall löst, sondern verwebt ganz viele Geschichten ineinander, etwa von seinem verzweifelten Freund Don, der sich sinnlos besäuft, weil ihn seine Freundin wegen eines andern verlassen hat, oder von seiner Freundin Clare, die sich so über Yeats auslässt: „Yeats – was zum Teufel hat der schon verstanden? Den Grossteil seines Lebens impotent. Schreibt erst lauter romantisches, dann nichts als mystisches Zeug. Und am Ende war er selber wieder ein Kind.“
 
  Die amerikanische Originalausgabe von „Nachtfalter“ ist 1993 erschienen, bei dem hier geschilderten New Orleans handelt es sich also um dasjenige vor dem Hurrikan Katrina des Jahres 2005. Ob es die Friedhöfe, in die sich Griffin als erstes in der Stadt verliebte und in denen er auf „eine ganz eigenartige Weise Trost“ findet, noch gibt, weiss ich nicht. Doch es wäre schön, gäbe es sie noch.
 
  Nun gut, „Nachtfalter“ ist ein Roman und da ist vieles erfunden und eben nicht real, mag man einwenden. Nichtsdestotrotz lese ich James Sallis nicht als Autor von Erfundenem – auch wenn ich weiss, dass seine Romane Fiktion sind – , sondern als realistischen Erzähler wie Dostojewski, der gesagt hat, „dass wir alle ausnahmslos schuldig sind. Und auch wenn ich mich nie mit der christlichen Vorstellung von Sünde und Büssertum abfinden konnte, gibt es meiner Meinung eindeutig so was wie Karma. Alles, was wir uns durch unser Tun aufladen, belastet uns, zieht uns runter. Zumindest aber hält es uns an Ort und Stelle fest.“
 
  James Sallis zu lesen bedeutet für mich auch in eine nachdenkliche, melancholische, doch keineswegs mit dem Leben hadernde Stimmung zu verfallen und dabei hilfreiche Einsichten zu gewinnen. „Finde das Schöne, versuch es zu verstehn, überlebe.“ Oder: „Kierkegaard hatte recht: Wir verstehen unser Leben (sofern wir es überhaupt verstehen) nur, wenn wir uns zurückwenden.“
 
  „Nachtfalter“ ist nicht nur ein Detektiv-Roman, sondern auch ein Text über den Versuch, mittels Schreiben die dunkle Seite der Realität einzufangen und zu verstehen. „Jahrelang hatte ich in der Abgeschiedenheit dieses Hauses, in dem Vicky und ich zusammengelebt hatten, in dem Verne mich oft besucht hatte, Buch um Buch über das Leben auf der Strasse, über Kriminalität, willkürliche und vorsätzliche Gewalt, über Frust, Verzweiflung und gelegentlich auch Rache geschrieben. Aber das, was ich schrieb, all diese angeblich 'realistischen' Szenen, waren nur eine Art Nostalgie, eine Verklärung, reinste Täuschung; ich konnte niemals darstellen, wie es da draussen wirklich zuging ... Ich konnte und kann es nicht verstehen. Ich werde es nie verstehen.“

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