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Helmut Stefan Milletich
Als alle tot waren, hatten wir ein schönes Land

Löcker
2013
111 Seiten
ISBN-13: 978-3854096542
€ 19,80


Von Rudolf Kraus am 19.06.2014

  Helmut Stefan Milletich, seit etlichen Jahren Präsident des burgenländischen P.E.N.-Clubs, ist ein aufmerksamer Beobachter politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, die er im vorliegenden Band in politische Gedichte gegossen hat.
  Das titelgebende Gedicht nimmt Bezug auf den Balkankrieg, der direkt vor der Österreichischen Haustüre stattgefunden hat, und tausende Opfer verursacht und abertausende Wunden hinterlassen hat:
  „Als alle tot waren, / hatten wir ein schönes Land. / Da fragte keiner, / und keine Antwort war schwer. / Da faulte endlich / das Korn im Halm, / und niemand weinte. / Tote weinen nicht. // Und auch die Dichter, / (schmalzig/salbungsreich und hinter jedem / einträglichen Trend / herlaufend und sich anbiedernd) / Sendboten der Wahrheit, / haben im End-Zeitalter / die Sprache der Bequemlichkeit gewählt, / weil sie essen mussten / und trinken / und Geld haben wollten und Würden. / Aber da alles tot ist, wo sind sie mit ihren Lügen? / Tote lügen auch nicht.“ (S. 11)
  Milletich ist sensibilisiert für diese Themen. Als 1943 geborener Burgenländer ist das Jahr 1956 ein bewusstes historisches Ereignis, an dem Österreich vulgo das Burgenland die Grenze für flüchtende Ungarn öffnete. Auch diesem Thema widmet er ein Gedicht.
  „1956 sind sie gekommen, / Aufstand – frierend und voll Angst. / 1993 schmücken wir den Fluchtweg, / um uns zu erinnern, / wie gut wir gewesen sind.“
  lautet die erste Strophe der „Brücke von Andau“ (S. 13) und da klingt bereits ein leiser Sarkasmus aus den Zeilen und wenn ein paar Verse später illegale Einreisende aufgehalten werden, dann werden die Gedanken wach an die Hilfe von damals und so endet das Gedicht:
  „…Es kann nichts noch so gut gemeint sein, / dass es das Gute nicht verhinderte …!“
  Ein Großteil von Milletichs Gedichten widmen sich der jüngeren oder aktuellen Geschichte und Politik, aber er schreibt nicht für oder auf Seiten einer Partei sondern er ergreift immer wieder Partei für Flüchtlinge, für Opfer von Gewalt und Krieg. Aber auch er Rückzug ins Private oder das Desinteresse am Leben per se sind wesentliche Themen seiner Gedichte.
 Demzufolge möchte ich auch diese Zeilen mit einem Gedicht auf S. 80 beenden, das sehr gut so manchen Zwänge beschreibt:
 „Hinter jeder Fassade / - neue Fassade - / kein Kern, kein Inneres, / Vergebliches Leben. / Bis man die / Fassade zum Kern / erklärte. / Dann war man zufrieden.“

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