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A.S.A. Harrison
Die stille Frau
(The Silent Wife)

Bloomsbury
2014
Übersetzt von Juliane Pahnke
384 Seiten
ISBN-13: 978-3827012074
€ 14,99


Von Hans Durrer am 11.06.2014

  „Die stille Frau“ ist der erste und einzige Roman von A.S.A. Harrison, die Anfang 2013 verstarb; es ist ein wunderbar gelungenes Buch.
 
 Die Rahmenhandlung:
  Jodi ist Psychotherapeutin, Todd Bauunternehmer. Die beiden leben seit vielen Jahren als unverheiratetes Ehepaar (was wie ein unbedeutendes Detail – „unverheiratet“ – klingt, wird zu einem nicht unwichtigen Element in dieser Geschichte) in einem in einem luxuriösen Apartment mit Seeblick in Chicago. Sie sind kinderlos, obwohl Todd gerne Kinder hätte.
 
  Todd ist ein notorischer Fremdgänger, Jodi weiss davon, hat sich damit arrangiert. Doch dann taucht Natasha auf, die Tochter von Todds bestem Kumpel Dean. Sie wird schwanger, Todd ist geschockt, als er davon erfährt.
  „'Ich dachte, du willst Kinder', sagt sie.
  'Natürlich will ich Kinder', schreit er.
  Natürlich will er Kinder, obwohl 'Kinder' nicht das richtige Wort ist für das, was er will.. Natasha will 'Kinder' im Sinne von kleinen, hilflosen Quälgeistern, die ihre ständige Aufmerksamkeit verlangen und ihr ein Gefühl von Verwandtschaft und Zugehörigkeit vermitteln. Was er will, ist etwas anderes. Was er will, sind Nachkommen, Erben, oder einfach nur einen Erben, am liebsten natürlich einen Sohn, jemanden, der seine DNA teilt, eine Variante von ihm, der ihn ersetzt, wenn er irgendwann verschwindet.“
 
  Todd zieht aus der gemeinsamen Wohnung mit Jodi aus und mit Natasha zusammen, sie planen zu heiraten, was sowohl Dean als auch Jodi verhindern wollen. Wie sie dabei vorgehen, soll hier nicht verraten werden, doch soviel sei gesagt: der Ausgang verblüffend.
 
  „Die stille Frau“ ist sowohl faszinierende Beziehungsstudie als auch spannender Thriller. Und zudem ein Buch, das einen auf Alfred Adler neugierig macht. Wie Carl Gustav Jung war auch Adler ein Mediziner und Psychotherapeut, der mit Sigmund Freud gebrochen hatte und dann seinen eigenen Weg gegangen ist. Es finden sich aufschlussreiche Passagen in diesem Buch, die Jodi, die den Adlerschen Ansatz praktiziert, im Gespräch mit ihrem Lehrtherapeuten zeigen.
 
  A.S.A. Harrison hat mit diesem Text auch einen Roman voller verblüffender Einsichten geschrieben geschrieben: „Sie wünschte, eine ihrer Freundinnen würde endlich zurückrufen, und schaltet schliesslich den Fernseher ein und zappt wahllos durch die Kanäle, bis sie auf eine Wiederholung von 'Seinfeld' stösst. Sie hat diese Episode schon mal gesehen, aber sie hat fast alles vergessen. In letzter Zeit geht es ihr auch mit Filmen so. Ein oder zwei Jahre vergehen und es ist fast, als hätte sie eine Amnesie. Das bringt sie auf einen Gedanken. Wenn sie ihr ganzes Leben noch einmal leben müsste – das identische Leben mit den Ereignissen, die sich in derselben Reihenfolge vor ihr erstrecken – , würde das meiste davon sie vermutlich überraschen. Als die Episode zu Ende geht und sie die letzte Szene sieht, als würde sie sie zum ersten Mal sehen, wird sie von einer Lawine aus Schmerz und Reue erfasst.“
 
  Ich lese unter anderem Bücher, weil ich mir von ihnen auch Hinweise und Ratschläge für mein Leben erhoffe. Wie zum Beispiel diesen: „Gehen ist ein probates Mittel, wenn man sich wieder in den Griff bekommen will.“ Nein, das ist nichts Neues, auch für mich nicht, doch muss ich eben immer wieder an die simpelsten Dinger erinnert werden ...

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