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John Niven
Straight White Male

Heyne
2015
Übersetzt von Stephan Glietsch
384 Seiten
ISBN-13: 978-3453676947
€ 9,99


Von Hans Durrer am 02.05.2014

  Der preisgekrönte irische Romanautor und Drehbuchschreiber Kennedy Marr lebt in Los Angeles das Leben des erfolgreichen Autors und, obwohl er ein Vermögen verdient, reicht das Geld nicht. Alimente für zwei Exfrauen, ein grosses Haus in Hollywood, Forderungen der Steuerbehörde, der aufwändige Lebensstil – das alles ist auch für den Grossverdiener Marr zuviel. Dazu kommt, dass er auch kreativ am Ende ist: seit fast zehn Jahren keinen Roman mehr geschrieben, mit mehreren Drehbüchern ist er im Verzug.
 
  Doch da naht die Rettung in Gestalt eines wohl dotierten literarischen Preises. Der Haken dabei: um das Preisgeld zu kriegen, muss sich der Preisträger, dem die akademische Welt ein Graus ist („... braucht die Welt wirklich noch mehr Dissertationen zum Thema 'Unstimmigkeiten in den Schriften von Beda dem Ehrwürdigen'“), verpflichten, ein Jahr lang creative writing an einer englischen Universität zu unterrichten, sehr zum Missfallen des zuständigen Fachbereichsleiters Dr. Drummond. Für Kennedy bedeutet das auch, seine erste Frau, die an der dortigen Uni unterrichtet, und seine Tochter zu treffen. Und auch seine Familie in Irland. Als er in Heathrow eintrifft, wird er verhaftet ...
 
  „Straight White Male“ ist gut und spannend geschrieben, und liefert vielfältigste Einblicke.
 Etwa in die Filmwelt, deren Rituale unter anderem verlangen, dass der Drehbuchschreiber sich mit Filmstars zum Essen treffen muss, wo ihm dann erklärt wird, wie sein Drehbuch auszusehen habe. „Kennedy war mit Schauspielern zu vertraut, um sich in ihrer Gegenwart jemals sicher zu fühlen. Was ihnen an einem Skript gefiel, konnte sich nach einer eingehenden Textanalyse ihres Friseurs oder Psychiaters über Nacht ändern. Oder nach der Premiere eines Blockbusters, in dem ein Freund oder Rivale mitspielte, dessen Figur mit Eigenschaften glänzte, die auch ihren Ehrgeiz weckten. Natürlich gab es noch eine weiteren möglichen Grund für Julie Teals ausbleibende Mäkelei. Sie hatte das Drehbuch noch nicht gelesen.“
 
  Überhaupt ragen die Schilderungen der Filmwelt („Gottverdammtes Filmgeschäft: Die grösste Klapsmühle der Welt, bevölkert von den durchgeknalltesten Spinnern, die es gibt.“) heraus, und speziell diejenigen über die Eigenheiten der Stars. So forderte etwa die gerade erwähnte Schauspielerin Julie Teal, „dass ihr die Getränke – Diät-Cola und Evian – nur in einem bestimmten Flaschentyp serviert werden durften; für Räume, in denen sie sich mehr als zwei Minuten aufhielt, wurde ein sogenanntes 'Lichtkonzept' vorgegeben; sämtlichen Crewmitgliedern, im Prinzip eigentlich jedem Menschen, der in der Hierarchie unter dem Regisseur, Produzenten oder Co-Star stand, war es untersagt, ihr direkt in die Augen zu blicken.“
 
  John Niven schreibt schnörkellose, gerade Sätze und was er an anderen Büchern gut findet, das zeichnet auch „Straight White Male“ aus: „... das Buch hatte definitiv ein gewisses Gespür für das richtige Setting. Und man kam bis zu Seite zehn, ohne dass man sich lieber eine Kugel durch den Kopf gejagt hätte, satt herauszufinden, was als Nächstes passierte.“ Zudem stimmt die Tonalität. „Nimmt man einem Buch seinen Ton nicht ab, dann hatte der Autor bereits verloren.“
 
  „Straight White Male“ ist auch ein Buch über das männliche Älterwerden und dabei macht Kennedy Marr eine nicht sehr vorteilhafte Figur, denn er war „immer der Überzeugung gewesen, erwachsen zu werden sei etwas, das mehr oder weniger von allein geschah. Dass es einfach passierte, während man älter wurde – quasi durch Osmose.“ Dabei hat er allerdings verpasst, seine Tochter aufwachsen zu sehen. Und er hätte mehr für seine jüngere Schwester Gerry, Alkoholikerin und drogenabhängig, tun können, die nach einem Selbstmordversuch in die Klinik gebracht und dort, im Beisein der Familie, stirbt – eine der stärksten Szenen dieses starken Buches.
 
  John Niven hat mit „Straight White Male“ ein witziges, wütendes und ergreifendes Buch geschrieben.

Von Holger Carlson am 09.07.2017

  Man konnte ihn mögen, diesen durchgeknallten, schwanzgesteuerten Schriftsteller. Ich mochte ihn, weil er das Denken nicht aufgegeben hatte und weil ihm bewusst war, wie er lebte. Ein schöner Spannungsbogen, der da durch diesen kleinen Hinweis auf den Knubbel an seinem besten Stück schnell deutlich werden ließ, dass ihn ab jetzt etwas begleiten würde, was nicht mehr vergessen werden konnte. Seine unkontrollierten Ausfälle hätten vielleicht etwas weniger drastisch ausfallen müssen, auch seine in die Öffentlichkeit gezerrten Sexualattacken nahmen dem Protagonisten manchmal aus meiner Sicht etwas die Glaubwürdigkeit. Es wurde alles ein wenig dick aufgetragen auch wenn es letztendlich den Charakter des Mannes verstärkt zum Ausdruck brachte. Wenn er dann seine Gedanken an die Zeit mit Gerry verliert, sich mit seiner Tochter trifft oder hilflos im Umgang seiner Gefühle gegenüber seiner ersten Frau sich selbst im Weg steht, dann muss man ihn einfach mögen. Was muss das für ein Schnürsenkel gewesen sein, der ihn hält anstatt er den ach so teuren Schuh verliert, dabei wäre es einfacher gewesen, dem Obdachlosen ein Gefühl der Verantwortung einzulösen, ihn Kennedy mit Blicken verfolgen und etwas tun lassen, doch ich habe das Buch gelesen wie einen Krimi und mich gefreut, dass Kennedy am Ende vor einem neuen Anfang stand.

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