Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Anne Goldmann
Lichtschacht

Argument
2014
256 Seiten
ISBN-13: 978-3867542203
€ 12,-


Von Alfred Ohswald am 19.04.2014

  Lena beobachtet leicht berauscht aus ihrem Wohnungsfenster in Wien eine Mann und zwei Frauen auf einem Dach eines Hauses in der Nähe. Sie haben Gläser in den Händen und scheinen etwas zu feiern. Als sie kurz weg und dann wieder hinsieht, ist plötzlich nur mehr der Mann und eine einzelne Frau da, die andere Frau ist verschwunden. Diese seltsame Geschichte geht ihr lange nicht aus dem Kopf und sie ist sich immer wieder unsicher, was sie tatsächlich gesehen hat. Auch findet sie in den Nachrichten nichts über eine verschwundene Frau oder eine aufgefundene Tote in ihrer Gegend. Aber dann taucht irgendwann eine Frau auf, die vergeblich eine verschwundene Freundin sucht.
 
  Mit so wenig Vorgeschichte die Handlung beginnt, so gemächlich zieht sie sich dann fast ereignislos vor sich hin. Ein wenig erinnert die Szenerie an Hitchcocks Film „Ein Fenster zum Hof“, allerdings erfährt man in „Lichtschacht“ in einer Nebenhandlung relativ bald, dass tatsächlich ein Mord geschah und auch warum er passierte. Diese Nebenhandlung aus der Sicht des Mörder mit recht typisch psychopathischen Eigenschaften ist übrigens deutlich spannender und temporeicher als die vor sich in viel Alltäglichkeiten dahinplätschernden Haupthandlungsstrang rund um Lena.
  Leser, die nicht reichlich Geduld mitbringen und keine besonderen Fans von viel Beziehungsgedöns in Krimis sind, sollten deshalb wohl besser die Finger von „Lichtschacht“ lassen.

Von Rudolf Kraus am 19.07.2014

  Anne Goldmanns dritter Roman „Lichtschacht“ ist schon wie ihre beiden Vorgänger eher eine Milieustudie denn ein Kriminalroman. Sie benutzt den Kriminalroman, um ihre Story und ihre Anliegen zu transportieren. Und bemerkenswert ist obendrein, dass Goldmann auch ihren Beruf und ihre Berufserfahrung in ihre Literatur einfließen lässt. Sie ist Sozialarbeiterin für Straffällige nach der Haft, arbeitete als Kellnerin und Zimmermädchen. Mit diesen Informationen wirkt jenes Statement gegen Ende des Romans recht amüsant:
  „Was erwartet er von mir! Ich bin schließlich keine Sozialarbeiterin, dachte sie. Ich muss nicht jeden verstehen.“ (S. 271).
  Diese Erfahrungen fließen auch in den Roman ein, denn ihre Hauptfigur Lena jobbt als Teilzeitbeschäftigte in einem Designergeschäft, bereut Katzen in der Abwesenheit ihrer Besitzer und jobbte schon als Putzhilfe. Eines Abends entdeckt Lena eine Szene auf einem Dach: zwei Frauen und ein Mann scheinen etwas zu feiern. Einen Augenblick später befinden sich nur noch eine Frau und ein Mann dort. Lena wird unruhig, weiß nicht, ob der Joint und der Alkohol, die sie konsumiert hat, ihr einen Streich spielen oder ob dort oben ein Verbrechen oder ein Unfall passiert ist.
  Ein Vergleich mit Hitchcock ist passend und erinnert an „Ein Fenster im Hof“, nur dass hier bald offenbart wird, dass wirklich ein Mord geschehen ist.
  Interessant und spannend liest sich die eigentliche Nebenhandlung aus der Sicht des Täters. Hier wird es unangenehm, die Psyche des Mannes wirkt bedrohlich.
  Ansonsten stehen Lenas Geschichte und Alltag im Mittelpunkt, wobei quasi nebenbei Themen wie prekäre Lohnverhältnisse, Wohngemeinschaften und Bobos, MigrantInnenschicksale und soziale Problematik in vielschichtiger Form behandelt werden. Erzählt wird in einer einfachen, aber geradlinigen Sprache, die eben auch emphatisch sein kann.
  Und ich werde das Gefühl nicht los, dass weder der doch überraschende Schluss noch die Wege dorthin Zufall sind.
  Anne Goldmann weiß, was und wohin sie will.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.