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Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
(Mãn)

Antje Kunstmann
2014
Übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große
143 Seiten
ISBN-13: 978-3888979286
€ 16,95


Von hans Durrer am 01.04.2014

  Vor Jahren bin ich einige Male in Vietnam gewesen, sowohl im Süden als auch im Norden, und als ich nun in dieses schmale Buch eintauchte, wähnte ich mich sofort wieder vor Ort. Das liegt an Kim Thúys Erzählkunst. Sie schreibt schnörkellos, sachlich, konzentriert sich auf Wesentliches.
 
  „Als Mama sich auf ihren Tod vorbereitete, suchte sie für mich einen Mann, der die Eigenschaften eines Vaters haben sollte. Eine ihrer Freundinnen, die bei der Gelegenheit zur Kupplerin wurde, kam uns eines Nachmittags mit diesem Mann besuchen. Mama bat mich, den Tee zu servieren, sonst nichts. Ich sah ihm nicht ins Gesicht, auch nicht, als ich die Tasse vor ihn hinstellte. Mein Blick war nicht gefragt, nur seiner zählte.“
 
  Die junge Frau emigriert nach Kanada, wo sie mit einem älteren Mann verheiratet wird. Sie arbeitet in einer Suppenküche, besinnt sich auf vietnamesische Kochtraditionen und wird als Kochkünstlerin entdeckt. In Paris verliebt sie sich dann in den französischen Koch Luc. Dies die Rahmenhandlung. Dass man dabei auch einiges übers Essen erfährt, versteht sich:
 
  „Litschis kannte Philippe schon, also machte ich ihn mit deren Cousins bekannt, den Longanfrüchten mit ihren runden, glänzenden Kernen, mit denen man die Augen schöner Mädchen vergleicht, und den Rambutanfrüchten mit ihrem borstigen roten Pelz, die wie Seeigel aussehen, sich aber weich anfühlen.“
 
  „Es versteht sich von selbst, dass manche Geschmäcker exklusiv sind und eine starke Identitätsgrenze bilden. Beispielsweise wusste keiner der Küchenchefs, die ich kennenlernte, was er mit den Hühnerknorpeln machen sollte, während sie in Bangkok als panierte Hügelchen begeistert geknabbert werden.“
 
  Überdies lernt man von Kim Thúy viel über Vietnamesisches, etwa dass Reinheit und Verzicht zwei „Grundtöne der vietnamesischen Seele“ seien, dass wenn Vietnamesen sich treffen, das Heimatdorf und der Stammbaum die beiden Themen sind, mit denen die meisten das Gespräch eröffnen, dass die Händler in Saigon „auch heute noch um jeden verfügbaren Quadratzentimeter dieser engen, wimmelnden, ohrenbetäubenden und doch so lebendigen Gassen“ kämpfen oder dass in Südvietnam nie über das Wetter gesprochen wird, „vielleicht weil es keine Jahreszeiten, keine Veränderungen gibt ... Oder vielleicht weil wir die Dinge so nehmen, wie sie sind, wie sie uns zustossen. Ohne nach dem Wieso oder Warum zu fragen.“
 
  Das Allerschönste und Originellste an diesem sehr poetischem Text ist für mich diese ganz wunderbare Stelle über französische Wörter, die die Protagonistin nach ihrem Klang zu entschlüsseln versucht, denn dabei geht es zwar um Wörter, doch es geht noch um viel mehr:
 
  „Ich mache ständig Fehler; der bis heute erstaunlichste war, dass ich dachte, das Wort 'rebelle' (rebellisch) sei von 'belle' (schön) abgeleitet: Für mich hiess 'rebelle': 'wieder schön', weil man Schönheit ja erwerben und verlieren kann. Mama hatte mir oft eingeschärft, es sei besser, einen Streit abzubrechen, als jemanden zu beschimpfen, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass der andere unrecht hatte. Wenn wir nämlich andere mit Dreck bespritzen, beschmutzen wir unseren Mund, weil wir ihn erst mit Zorn, Blut und Galle füllen müssen. Dann sind wir nicht mehr schön. Ich glaubte also, das das 're' in 'rebelle' die Möglichkeit einer Erlösung bot, weil es uns erlaubte, die frühere Schönheit wiederzuerlangen.“

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