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James Meek
Liebe und andere Parasiten
(The Heart broke in)

DVA
2013
Übersetzt von Karen Nölle und Hans-Ulrich Möhring
560 Seiten
ISBN-13: 978-3421045867
€ 22,99


Von Hans Durrer am 20.03.2014

  Ritchie Shepherd, einst ein gefeierter Rockstar, jetzt millionenschwerer TV-Produzent, betrügt seine Frau mit einer Minderjährigen. Davon erfährt Val Oatman, Herausgeber eines Boulevardblatts, dem Richies Schwester Bec gerade einen Korb gegeben hat und der nun darauf aus ist, sich zu rächen. Dazu bedient er sich seiner erpresserischen Moral Foundation, mit der er das seiner Meinung nach unmoralische Verhalten Prominenter öffentlich macht.
 
  Im englischen Original heisst das Buch „The Heart Broke In“ und das ist recht weit entfernt von der deutschen Version „Liebe und andere Parasiten“, die sich darauf gründet, dass Bec wissenschaftlich forscht und gerade eine neue invasive Parasitenart gefunden hat, die sie nach ihrem Vater benannt hat, was ihre Mutter, deren Hobby Ernährungsfragen sind, eher entsetzt als gefällt.
 
  Und dann gibt es da noch Alex, der früher mal Schlagzeug gespielt hat und jetzt als Nachfolger seines Onkels Harry als Leiter eines Krebsforschungsinstituts vorgesehen ist. Dieser Alex interessiert sich sehr für Bec. Als sie sich nach Jahren auf einer Party für Harry zum zweiten Mal treffen („Sie konnte sich kaum erinnern, wie er damals auf Ritchies Party gewesen war; sie hatte einen Eindruck von Eifer, Schüchternheit und Arroganz zurückbehalten.“), sieht er eine neue Chance, doch Bec will nicht, solange er noch mit seiner Ex-Frau Maria zusammenlebt und überhaupt ist sie auf dem Weg nach Afrika. Unverzüglich verlässt Alex Maria und rast auf dem Fahrrad gen Paddington, sieht Bec gerade noch den Zug nach Heathrow besteigen. Nach ihrer Landung schickte sie „ihm eine SMS: 'Ich WERDE dir schreiben.' Unverzüglich simste er zurück: 'Was wirst du schreiben?'“ Wunderbar!
 
  Alex wird wegen der Forschungsarbeiten seines Onkels Harry, die ermöglichen könnten, länger zu leben, prominent. Val Oatmans Boulevardzeitung widmet ihm eine Titelgeschichte („Wissenschaftler entdeckt Jungbrunnen“) und in der Folge erfährt Val, dass Alex plant, nach Tansania zu Bec zu fliegen, die einen Selbstversuch mit der nach ihrem Vater benannten Parasitenart macht ... für Spannung ist also gesorgt, doch so richtig will sie dann eben doch nicht aufkommen, weil sich der Autor immer wieder in langfädigen Schilderungen von diversen Familienkonflikten verliert.
 
  Trotzdem: James Meek weiss anschaulich zu erzählen und hat ein Händchen für intelligente Dialoge:
  „'Ich weiss, du hältst das alles', sie hob die Bibel hoch, 'für sehr dumm, aber wie willst du sonst das Leben erklären?'
  'Es gibt keine Erklärungen', sagte Alex. 'Es gibt keine Antworten, und es gibt keinen Sinn. Es gibt nur das Leben.'
  Lettie lachte. 'Würdest du das deinen Kindern erzählen, wenn sie mit ihren Fragen zu dir kämen? Das es keinen Sinn gibt, keine Antworten.'“
 
  Was mich für „Liebe und andere Parasiten“ einnimmt, sind in erster Linie die vielen inspirierenden Gedanken, etwa:
  „Es stimmt, ich weiss nicht, wie man sich benimmt. Wer weiss das schon? Das heisst noch lange nicht, dass ich den Unterschied zwischen Richtig und Falsch nicht kenne.“
 oder:
  „'Warum willst du unbedingt Kinder haben?'
  'Wir sind nicht verpflichtet, Gründe zu haben'.“
 
  Dann spricht mich aber auch an, dass man Einblicke in die Welt des medizinischen Forschens gewinnt, von den Mechanismen der Boulevardmedien erfährt, viel über Befruchtung, über Vergebung (im eindrücklichen Kapitel 54) und auch einiges übers Sterben lernt, das in diesem sehr englischen Satz gipfelt: „Der Tod traf ihn nicht erschrocken, sondern beschäftigt an, völlig von dem Versuch beansprucht, seinen Entschluss zu ändern.“
 
  Summa summarum: Intelligente und anregende Unterhaltung mit einigen Längen.

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