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Nicole Zepter
Kunst hassen
Eine enttäuschte Liebe

Tropen
2013
144 Seiten
ISBN-13: 978-3608503074
€ 12,-


Von Hans Durrer am 17.03.2014

  Es gebe keine Gesellschaft ohne Kunst, lese ich. Und habe keine Ahnung, ob das stimmt. Kann man das wirklich wissen? Egal. Unsere Gesellschaft ist jedenfalls voll von Kunst, oder davon, was sich dafür ausgibt, Ausstellungen gibt es jedenfalls wohin man auch schaut.
 
  Nicole Zepter liebt Kunst, deshalb darf sie sie auch hassen. So jedenfalls ihre Logik. Mir steht die Einsicht von John Berger näher, der meinte, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern „sich trennen“.
 
  Die Kunst stecke fest „in einem tiefen sakralen Horror, gefangen im Irrglauben an das Genie und den Wahnsinn, festgefahren in musealer Architektur und sehr vielen White Cubes“, so die Autorin. Museale Architektur? Ich hatte gerade einen Band mit Zaha Hadids gesammelten Werken vor mir: total faszinierende, fantasievolle, mutige Architektur; Frau Zepter muss etwas anderes meinen.
 
  „Eine enttäuschte Liebe“ lautet der Untertitel zu „Kunst Hassen“, das sich als Aufruf versteht, „endlich wieder eine Haltung zur Kunst zu entwickeln. Als Rezipient, Produzent, Vermittler und Händler.“ Es ist ein eloquenter Aufruf, den Nicole Zepter vorlegt, auch wenn sie wohl bei vielen, die zu diesem schmalen, sehr ansprechend gemachten Band greifen, zum Beispiel bei mir, sehr weit offene Türen einrennt.
 
  „Denn es ist doch so: Wer Kunst versteht, ist intelligent. Im Umkehrschluss: Wer Kunst nicht versteht, setzt sich dem Verdacht aus, doof zu sein.“ Dagegen verwahrt sich dieses Buch. Und liefert neben einleuchtenden Argumenten auch viel Informatives zum Kunstbetrieb.
 
  „Wir haben das Gefühl zur Kunst verloren“, behauptet die Autorin. Und nennt einige der Gründe. Der Kunstmarkt und dessen Hierarchien, die fehlende Kunstkritik, der Geniekult, die Angst, als Banause zu gelten.
 
  Doch was ist eigentlich Kunst? „Die Frage kann nicht beantwortet werden“, so Nicole Zepter. Doch mit Sicherheit lässt sich sagen: „Kunst ist todernst.“ Damit ist die in privaten und staatlichen Museen ausgestellte und von Pseudo-Bedeutungs-Geschwafel begleitete 'Kunst' gemeint.
 
  Doch Kunst kann auch was anderes sein:
  „Wir verlangen nach der Kunst, denn je näher wir der Kunst kommen, desto näher kommen wir uns selbst. Kunst ist ein Geheimnis, wie die Liebe.“ Das ist treffend gesagt. Und besser als jede Definition. Denn Kunst wie Liebe mögen sich unserem Verstand entziehen, doch sie lassen sich erfahren. Und wer diese Erfahrung macht, fühlt sich bereichert. Wie sagte doch der irische Schriftsteller John Banville letzthin in einem Fernsehinterview: „Was Kunst auslöst, ist, dass wir uns lebendiger fühlen.“
 
  „Kunst Hassen“ hält, was es fordert: dass man sich nicht einschüchtern lässt, selber denkt, sich auf seine eigenen Gefühle verlässt, den Mut aufbringt zur eigenen reflektierten Meinung.

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