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James Sallis
Stiller Zorn
(The long-legged Fly)

DuMont
2013
Übersetzt von Georg Schmidt
188 Seiten
ISBN-13: 978-3832162351
€ 8,99


Von Hans Durrer am 20.02.2014

  Lew Griffin, ein schwarzer Privatdetektiv in New Orleans, wird von zwei anderen Schwarzen („Beide trugen umgemodelte Militärklamotten, Tarnanzüge und Käppis, dazu knöchelhohe schwarze Tennisschuhe. Der eine war tiefschwarz wie Ebenholz, der andere kaffebraun. 'Café au Lait'.“) beauftragt („'... es handelt sich um eine Sache, die nur ein Bruder übernehmen kann'. Der 'Bruder' hätte mich warnen sollen ...“), Corene Davis, ebenfalls eine Schwarze und frühere Studentenführerin, die in ein Flugzeug eingestiegen und seither verschwunden war, aufzuspüren. Er findet sie schliesslich in einer psychiatrischen Klinik. Dies die Rahmenhandlung von Teil eins, der im Jahre 1964 spielt.
 
  Im zweiten Teil aus dem Jahre 1970 ermittelt Griffin wiederum in einem Vermisstenfall. Ebenfalls in New Orleans. „Prima Stadt, dieses New Orleans. Ich war schon anderswo gewesen. Es war nach wie vor meine Lieblingsstadt. Man darf mich bloss nicht fragen, warum.“
 
  Griffin ist ein ziemlich abgehärteter Typ und gleichzeitig ein melancholischer Romantiker. Es sind die lakonischen Kommentare zum Leben an und für sich, die James Sallis seinen Protagonisten in den Mund legt, die die Lektüre lohnen. Griffin lässt er sagen: „Ich dachte an all die Frauen, die ich geliebt oder zumindest zu lieben geglaubt hatte. Dachte daran, wie sich das am Anfang anfühlte, bis das Gefühl allmählich zur Neige ging und noch eine Weile nachklang, wie hohle Heuschreckenpanzer auf einem Baum, und dann eines Tages einfach nicht mehr da war.“ Und seine Freundin Nancy meint: „Ich wünschte, es gäbe keine Vergangenheit, bloss die Gegenwart und eine Zukunft.“
 
  Teil drei spielt im Jahre 1984. Griffin liegt mit einer Alkoholvergiftung im Spital. „... eine ganze Zeitlang bekam ich nur Bildfetzen mit. Irgendein Knabe um die neunzehn, der sagte, er wäre Arzt, und einen Gartenschlauch in der Hand hatte, den er mir, wie er sagte, in die Nase 'schieben' wollte. Machte er aber nicht. Zig Laboranten, die Einmachgläser voller Blut von mir brauchten. Ein Typ in einem dreiteiligen Anzug, der so weit wie möglich von mir weg sass und wissen wollte, wie ich mit alldem klar käme.“
 Aus dem Spital entlassen, kommt er in einem Behüteten Haus unter, erfährt, das Corene Davis (aus Teil eins) aus der Psychiatrie raus ist, weiter studiert, ihren Doktor gemacht und heute in Südamerika sozial tätig ist, zieht bei der aus Europa stammenden Krankenschwester Vicky ein und seine Lebensgeister erwachen wieder. „Arbeit, eine Frau, die auf einen wartet, Geld auf der Bank, persönliche Reife – amerikanische Träume.“
 
  Es ist weniger die Handlung als die Milieuschilderungen, die berührende Liebesgeschichte mit Vicky, und die Ansichten, die der Autor seinen Detektiv Griffin äussern lässt, die mich für diesem Roman einnehmen: „... wo ich einmal mehr Bekanntschaft mit dem Feierabendverkehr machte, eins der besten Argumente gegen geregelte Arbeit.“ Lohnenswert ist übrigens auch, was man in „Stiller Zorn“ über den Blues lesen kann. Und über Thomas Hobbes.
 
  Es ist der nüchterne Ton, die oft witzigen Anmerkungen, die tiefe Menschlichkeit, die dieses Schreiben ausmachen; James Sallis ist kein Mann von vielen Adjektiven, sondern einer, der sparsam mit den Worten umgeht. Kompliziert zu sein, ist einfach, doch einfach zu sein, ist eine Kunst. James Sallis beherrscht sie. Und schafft damit eine Atmosphäre, die in der Krimiwelt einzigartig ist.
 
  PS: Es finden sich auch ein paar wenige französische Sätze in diesem Buch. Sie sind fast alle fehlerhaft.

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