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Sara Stridsberg
Darling River
Doloresvariationen

Fischer
2013
Übersetzt von Ursel Allenstein
336 Seiten
ISBN-13: 978-3100900524
€ 21,99


Von Volker Frick am 17.01.2014

  Dunkle bezaubernde Poesie und tiefe Prosa. Der jüngste Roman von Sara Stridsberg ist eine brutale Überraschung jeglicher Erwartungshaltung. Eine dichte Komposition gleich mehrerer Folien. Mama, der Zeit voraus mit großer Sonnenbrille on the road, nicht da, nur Papa, der sich nach ihrer gemeinsamen Fahrten mit dem Jaguar durch brennende Wälder die Mädels von der Bordsteinkante ins Auto holt, kaum älter als sie, sie, die auf dem Rücksitz liegt und so tut, als ob sie schläft.
  Die kompositorische Dichte ist zuvörderst der formalen Konstruktion des Romans geschuldet. Fünf betitelte Kapitel, davon das erste und vierte mit sechs, das zweite und dritte Kapitel mit sieben gleichen, jeweils leicht variierend betitelten Unterkapiteln daherkommen. Allein das letzte Kapitel, betitelt „Die Einsamkeit“ besteht aus lediglich einem Unterkapitel betitelt „Darling River (Lo)“.
  Gleich einem kindlichen Spiegelkabinett übervoll an Bildern sind diese durchgehenden Erzählstränge Variationen eines Sujets. „Die Spiegeloberfläche zeigt eine Gestalt, auf die das Kind lange gewartet hat, doch auf der anderen Seite des Silberglases ist nur Leere. In einem Spiegel hängen zu bleiben heißt, in einem Traum hängen zu bleiben.“
  Einer der Erzählstränge trägt als Unterkapitel den immer gleichen Titel: „Das Buch der Toten (Dolores)“, und ist rückwärts erzählt, beginnend in einer Entbindungsklinik in Gray Star, Alaska. Dolores zieht es vor sich Lo zu nennen. Bis zum Alter von siebzehn ist sie überzeugt unter der Geburt zu sterben. Nicht überzeugend, dies gegen die Zeit zu erzählen.
  Ein weiterer Erzählstrang, ebenfalls immer gleich betitelt, „Jardin du Plantes“, zitiert Nabokov aus einem Nachwort zu „Lolita“, die Initialzündung zu seinem Roman sei ein Zeitungsartikel gewesen, über einen Affen, der nach Monaten des Zuspruchs eines Wissenschaftlers eine Skizze fertigte von den Gitterstäben seines eigenen Käfigs. Der Artikel wurde nie nachgewiesen. Sara Stridsberg erzählt diese Geschichte, die nicht existiert. Der Faszination des Wissenschaftlers für die Äffin ist ein sexuelles Moment unterlegt, was diesen Erzählstrang mit den anderen Doloresvariationen verbindet.
  Ein weiterer Erzählstrang, der als Unterkapitel sich zweimal in Kapitel eins und vier, dreimal in Kapitel zwei und drei sich fortschreibt, ist betitelt „auf der Mutterkarte“, mit jeweiligen Ortsangaben als Variation: (Costa del Sol), (Ukraine), (Istanbul), (Wien), und weitere. Mutter unterwegs mit Schreibmaschine und Kamera. Und ihr Fremde sind es, wenn sie an ihren verlassenen Ehemann und ihr Kind denkt. Aber es ist die einzige Erzählung in diesem Buch, in der die weibliche Protagonistin nicht beherrscht oder unterdrückt wird.
  Nachdem Sara Stridsberg das „Manifest zur Gesellschaft der Vernichtung der Männer“ von Valerie Solanas ins Schwedische übersetzt hatte, schrieb sie eine semifiktionale Biografie über Valerie Solanas, und das Theaterstück „Valerie Jean Solanas skal bli president Frau Amerika“ (uraufgeführt 2006). Darob wird die Autorin, völlig irrig, auch von ihrem deutschen Verlag in der Schublade 'Radikalfeministin' abgelegt. Weitere Bühnenarbeiten sind „Medealand och andra pjäser“ und „Drömfakulteten“ (der gleichnamige Roman erschien 2010 unter dem Titel „Traumfabrik“ auf deutsch).
  Sexualisierte Gewalt, Einsamkeit, Selbsthass, Tod. Der Autorin ist ein sprachlich intensives Buch gelungen, inspiriert von einem Klassiker der Literatur. Es nimmt einem hie und da den Atem, so glasklar direkt und wortgewaltig ist „Darling River“. Und wenn Sara Stridsberg extremen oder radikalen, real fiktiven Frauen, als Schriftstellerin zur Sprache verhilft, dann ist dies, gerade ob ihrer Könnerschaft, mitnichten radikal, feministisch oder fiktiv. Stridsberg suberb.

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