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Stefan Zweig
Vierundzwanzig Stunden im Leben einer Frau

Fischer
1995
125 Seiten
DM 20,-


Von Alfred Ohswald am 10.06.2000

  Als in einer kleinen Pension an der Riviera eine verheiratete Frau mit einem jungen Mann durchbrennt, sorgt das für heftig umstrittenen Gesprächsstoff. Der Erzähler verteidigt die Tat der Frau und als die Diskussion außer Kontrolle zu geraten droht, mischt sich eine vornehme alte Engländerin beruhigend ein. Einige Tage später fragt sie ihn, ob sie ihm ein eigenes, ähnliches Erlebnis anvertrauen dürfe und er willigt ein.
  Als sie 40 Jahre alt war, starb ihr Mann und ihre Söhne waren auch schon alt genug um allein zurecht zu kommen. So reiste sie motivationslos durch die Welt um der vermeintlichen Sinnlosigkeit ihres Lebens zu entkommen. Bei einigen Besuchen im Casino in Monaco vertreibt sie sich die Zeit mit dem beobachten der Hände der Spieler und entdeckt dabei eines Tages einen Mann mit besonders ausdrucksstarker Gestik. Die deutlich zu sehende Verzweiflung beim Verspielen des letzten Geldes läßt sie dem Mann folgen, als er am Boden zerstört das Casino verläßt. Sie befürchtet einen Selbstmord und spricht ihn in der Absicht, ihn vor der Unglückstat zu bewahren, an. Er hält sie für eine der zahlreichen beim Casino anzutreffenden Prostituierten und es gelingt ihr nicht, weit genug zu dem Verzweifelten vorzudringen, um ihm seinem Irrtum zu erklären. Aus Angst um sein Leben bringt sie ihn in ein Hotel, wo sie wegen weiterer Mißverständnisse mit ihm auf einem Zimmer landet und die Nacht mit ihm verbringt. Am nächsten Tag schwört er ihr, seine Spielleidenschaft aufzugeben und sie ist voller Stolz über seine Errettung. Doch er sollte ihr noch große seelische Qualen zufügen.
 
  Stefan Zweig konzentriert sich bei seiner Erzählung von Zusammentreffen zweier völlig unterschiedlicher Charaktere voll und ganz auf die Personen selbst. Dabei arbeitet er vor allem die Gefahr für naive, gutmütige Menschen beim zusammentreffen mit emotionellen "interessanten" Persönlichkeiten heraus. Selbst in den Strudel der Leidenschaften gerissen, werden sie schnell Opfer dieser faszinierenden, aber wankelmütigen Charaktere. Wie immer bei Zweig eine bemerkenswerte Charakterstudie.
  Bei dieser Erzählung besteht allerdings auch die Gefahr, daß jeder die Schlüsse zieht, die ihm Weltanschaulich passen. Auch die Einstellung, daß zweifelhaften Charakteren sowieso nicht zu helfen ist und man es daher besser gar nicht versucht kann hinein interpretiert werden, was sicher nicht im Sinn des immer um Toleranz bemühten Autors ist.

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