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David Rieff
Tod einer Untröstlichen
Die letzten Tage von Susan Sontag
(Swimming in a sea of death)

Fischer
2011
Übersetzt von Reinhard Kaiser
160 Seiten
ISBN-13: 978-3596186624
€ 9,99


Von Hans Durrer am 30.09.2013

  David Rieff, geboren 1952, das einzige Kind Susan Sontags, aus ihrer Ehe mit dem Soziologen Philip Rieff, beschreibt in diesem Buch das Sterben seiner Mutter. Sie starb „wie sie gelebt hatte, unversöhnt mit der Sterblichkeit“, sie hielt es mit Elias Canetti und Philip Larkin, der in seinem Gedicht „Aubade“ (Morgenlied) „über seine Angst vor dem Sterben und seine Verachtung für den Trost der Religion und andere Arten von Selbstbetrug schrieb“. Susan Sontag konnte sich nicht vorstellen, dass sie eines Tages nicht mehr sein würde und bewahrte sich dieses Gefühl bis ins hohe Alter. Diese bei einem so rationalen Menschen einigermassen verblüffende Verdrängung ist vor allem eins: aufrichtig.
 
  Würde er die Haltung seiner Mutter in einem Wort beschreiben wollen, so der Autor, „dann mit dem Wort 'Gier'. Es gab nichts, was sie nicht sehen oder tun oder kennenlernen wollte.“ Und: „Immer wieder, so scheint es mir, wenn ich ihren Lebensweg betrachte, wird das Präsens vom Futur beiseite geschoben. Dabei kann man doch mit dem Tod, falls überhaupt, nur zurecht kommen, wenn man in der Gegenwart lebt.“ Genau deswegen, möchte man da einwerfen, kam doch wohl Susan Sontag nicht mit dem Tod zurecht. Und nicht nur sie.
 
  Seine Mutter, so Rieff, habe die Wissenschaft und auch die Vernunft geliebt, „mit einer unerschütterlichen, an Religiosität grenzenden Hartnäckigkeit“. Und sie habe die Berufung auf das Subjektive verabscheut. Auf diesem Hintergrund erscheint besonders eigenartig, dass sie über Fotografie schrieb, denn Fotografien lassen sich doch so recht eigentlich nur subjektiv erfahren.
 
  Kennzeichnend für ihr Leben sei unter anderem eine „erstaunliche Mischung aus Tapferkeit und Pedanterie gewesen“, schreibt der Sohn. Überhaupt sind die Gegensätzlichkeiten, die er feststellt, überaus faszinierend. Susan Sontag sammelt Informationen über ihre Krankheit, denn Information bedeutet in ihrer Sicht Kontrolle. Und diese war Voraussetzung für Hoffnung. Auf dieser Grundlage ging sie „mitten durch den beklemmenden Nebel der eigenen Panik. Verwirrt und verzweifelt schwankte sie zwischen hyperaktiver Wachheit und Anspannung auf der einen Seite und trübseliger Schläfrigkeit auf der anderen.“
 
  Sie will verstehen, was mit ihr los ist. Doch vieles kann sie als Nicht-Wissenschaftlerin nicht begreifen. „Selbst meine Mutter, die sich auf ihre Fähigkeit, mit Informationen umzugehen und sich in ein Sachgebiet einzuarbeiten, viel zugute hielt, musste feststellen, dass sie dem, was man ihr da erklärte, nicht folgen konnte.“
 
  Immer wieder habe sie von einem Neuanfang gesprochen, davon, dass sie alles ganz anders machen wolle, Sachen wolle sie tun, die sie schon immer habe tun wollen, „und noch mehr werde sie all das nicht mehr tun, was ihr kein Vergnügen mache.“ Der Sohn fragt sich, ob sie eigentlich wisse, was mit ihr los sei. Eigentlich schon, denkt er, doch wirklich sicher ist er sich nicht, will er sich auch gar nicht sein.
 
  „Tod einer Untröstlichen“ ist ein unbedingt lesenswertes Buch. Nicht zuletzt, weil man da Gedanken findet, die einen (ja, ich spreche von mir) die Welt mit einer neuen Brille sehen lassen. Dieser hier von John Berger etwa, der einmal geschrieben hat, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern 'sich trennen'. Oder dieser, ebenfalls von John Berger: „In Wirklichkeit stehen wir immer zwischen zwei Zeiten: der des Körpers und der des Bewusstseins.“

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