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Katherine Boo
Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben
(Behind the Beautiful Forevers. Life, death, and hope in a Mumbai undercity.)

Droemer
2012
Übersetzt von Pieke Biermann
336 Seiten
ISBN-13: 978-3426275924
€ 19,99


Von Hans Durrer am 20.09.2013

  Schon die Widmung ist inspirierend: „Für die zwei Sunils, die mir beigebracht haben, wie man nicht aufgibt.“ Und so recht eigentlich ist „Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben“ genau das: Inspiration, nicht aufzugeben.
 
  Ich war schon einige Male in Slums, in Afrika, Südostasien und Südamerika, trotzdem hatte ich keine Vorstellung davon, wie Menschen in solchen Verhältnissen leben. Ich habe mir dazu auch nie Gedanken gemacht, habe Slumbewohner auch nie wirklich individuell wahrgenommen. Katherine Boo hat mir Augen und Herz geöffnet, indem sie von realen Lebensschicksalen aus Annawadi, einem Slum beim Airport von Mumbai erzählt und mir die Menschen dort nachvollziehbar macht.
 
  Von Abdul erfahre ich, einem geschäftstüchtigen und nachdenklichen Jungen, der im Müll der reichen Leute „ein unermessliches Vermögen“ sieht. Und von der behinderten Fatima Einbein, die „via Sex hinauswachsen (wollte) über das Gebrechen, das die anderen ihr als Namen angehängt hatten“. Und von Asha, die sich für die korrupte Politik als den Weg nach oben entscheiden hat. Und von Manju, ihrer hübschen und intelligenten Tochter, die das College besucht. Und von ...
 
  Katherine Boo zeichnet ihre Figuren als komplexe, vielschichtige Wesen voller Widersprüche. Genau so wie Menschen eben sind. So ist etwa die behinderte Fatima nicht etwa einfach eine bedauernswerte Kreatur. „Zehrunisa gab sich Mühe, Fatima und ihre selbstgebastelte Privatmoral nicht zu verurteilen, sie wusste, die Frau verzehrte sich nach Zuneigung und Respekt. Aber sobald sie an Fatimas Kinder dachte, schmolz ihr Respekt zusammen. Vor kurzem war Fatima mit ihren Krücken so massiv auf die achtjährige Noori losgegangen, dass Zehrunisa und noch eine Frau dazwischengehen mussten. Und dann war da noch die Sache mit Medina, der zweijährigen Tochter von Fatima. Als die Kleine Tuberkulose bekommen hatte, war Fatima besessen von der Idee, sie könne sich anstecken. Und dann war Medina in einem Eimer ertrunken.“
 
  Besonders eindrücklich an diesem Buch ist der Verzicht auf jegliche Schwarz/Weiss-Malerei. Mensch zu sein bedeutet gut und schlecht, schlau und dumm, hinterhältig und freundlich zu sein. Abwechselnd und manchmal auch gleichzeitig. Ob besser situiert oder im Slum lebend. Es ist kein geringes Verdienst, dass Katherine Boo anschaulich aufzuzeigen vermag, dass die Menschen in den Slums genau so sind wie wir andern, die wir nicht in Slums leben, auch. Sie haben die selben Sorgen und Nöte, erleben die selben Hoffnungen und Enttäuschungen. Klar, das weiss man. In der Theorie. Katherine Boo hingegen macht es spürbar und erlebbar und vermittelt dadurch Wirklichkeit.
 
  Sie habe sich vor zehn Jahren in einen indischen Mann verliebt und ein ganzes Land dazubekommen, schreibt die Autorin im Nachwort. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits dreizehn Jahre als Reporterin unterwegs gewesen, hatte über Armenviertel in den USA geschrieben. „Manche Menschen halten es für ein 'moralisches' Problem, dass Reichtum und Armut so dicht nebeneinander existieren. Ich dagegen finde faszinierend, wie selten dieses Nebeneinander als 'praktisches' Problem wahrgenommen wird. Schliesslich gibt es mehr arme als reiche Leute in den Mumbais dieser Welt. Wieso eigentlich sehen Gegenden wie die Airport Road, in der Slums praktisch auf Tuchfühlung mit Luxushotels liegen, nicht aus wie die Bürgerkriegsszenarien in Videospielen? Warum implodieren unsere ungleichen Gesellschaften nicht viel öfter?“
 
  Bücher, die ihr einige ihrer Fragen hätten beantworten können, fand sie nicht, selber eines zu schreiben, traute sie sich nicht zu, schliesslich war sie keine Inderin und sprach die Sprachen nicht. Doch dann tat sie es doch. Drei Jahre lang, vom November 2007 bis zum Abschluss ihrer Recherchen im März 2011 (die geschilderten Personen und Ereignisse sind real), rang sie zusammen mit ihrer Dolmetscherinnen immer wieder mit der Frage, „ob tagelanges Herumhocken in rattenverseuchten, müllverstopften Hütten in einem Slum und nächtelange Erkundungszüge mit Dieben an eine neuen Flughafen irgendetwas zum Verständnis dessen beitragen konnten, was das Streben nach Aufstiegschancen in der ungleichen globalisierten Welt bedeutet. Doch, vielleicht, beschlossen wir forsch.“
 
  Das Ergebnis liegt nun vor, es heisst „Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben“, von dem Salman Rushdie (wohl zu Recht) gesagt hat: „Ein Muss! Nie zuvor hat jemand einen Slum so verstanden und so eindringlich beschrieben.“

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