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Joël Dicker
Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
(La Vérité sur l'Affaire Harry Quebert)

Piper
2013
Übersetzt von Carina von Enzenberg
736 Seiten
ISBN-13: 978-3492056007
€ 22,99


Von Hans Durrer am 18.09.2013

  Eine faszinierende und aussergewöhnliche Geschichte: Der 1985 in Genf geborene Joël Dicker, ein studierter Jurist, schreibt ein 700seitiges Werk, das ihn den USA handelt, und ein internationaler Erfolg wird. Zu recht, wie ich gleich hinzufügen möchte.
 
  Marcus Goldmann ist ein erfolgreicher Schriftsteller, die Buch-interessierte Welt wartet auf seinen nächsten Roman, doch er fühlt sich blockiert, ihm will nichts einfallen. Da wird im Garten seines früheren Lehrers und Mentors, Harry Quebert, die Leiche der vor dreiunddreissig Jahren verschollenen Nola ausgegraben. Quebert gibt zu, mit der Schülerin ein (platonisches) Verhältnis gehabt zu haben, doch insistiert, an ihrem Tod unschuldig zu sein. Trotzdem wird er des Mordes angeklagt. Marcus Goldmann ist von der Unschuld seines Mentors überzeugt und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Und stösst dabei auf mannigfaltige Schwierigkeiten, eine besonders schöne ist der modernen computerisierten Welt geschuldet, hier ist sie: Wir befinden uns im Jahre 2008 und Marcus erkundigt sich bei einem Angestellten an der Rezeption eines Motels: „Ich möchte wissen, ob in der Nacht vom Samstag, den 30. August, auf Sonntag, den 31. August 1975, jemand in Zimmer 8 geschlafen hat.“ Er brach in Gelächter aus. „1975? Ist das Ihr Ernst? Seit wir auf Computer umgestellt haben, können wir das Gästeregister maximal zwei Jahre zurückverfolgen.“
 
  Marcus' Verleger Roy Barnaski wittert eine geschäftliche Chance, er will ihn überzeugen über den Fall Quebert (die Zeitungen nennen Harry bereits einen Triebtäter) ein Buch zu schreiben:
  „Das Publikum will dieses Buch“, behauptete er „Hören Sie sich das an: Ein paar Fans stehen sogar unten vor unserem Gebäude und skandieren ihren Namen.“
  Er schaltete auf Lautsprecher und gab seinen Mitarbeitern einen Wink, die daraufhin aus vollen Lungen 'Gold-man! Gold-man! Gold-man!' brüllten.
  „Das sind keine Fans, Roy, das sind ihre Mitarbeiter. Guten Tag, Marisa.“
  „Guten Tag, Marcus“, antwortete Marisa.
 
  Überzeugend charakterisiert Joël Dicker seine Figuren: So schildert er Marcus Goldmann als Blender, der es mit immer wieder schafft, in den Augen seiner Mitschüler und Lehrer als der Fabelhafte dazustehen, doch Quebert entlarvt ihn: „Ich mag Sie, Marcus, aber wie schon gesagt: Ich halte Sie für eine Memme und einen Gernegross, und meine Zeit ist mir zu kostbar, um sie mit Ihnen zu vergeuden. Sie haben in Burrows nichts verloren, und ich wüsste nicht, warum ich mich noch mit Ihnen abgeben sollte.“ Dass Harry Marcus so gut durchschaut, liegt daran, dass er selber ein Blender ist. So lässt er die Menschen in der Kleinstadt Aurora im Glauben, er sei ein berühmter Schriftsteller aus New York, obwohl er gar keinen Verlag hat, sondern eine Druckerei dafür bezahlt hat, sein Buch herauszugeben. In der Folge befreunden sich die beiden intensiv. Der berühmte gewordene Harry, Verfasser des Klassikers „Der Ursprung des Übels“, bringt Marcus nicht nur das Schreiben bei, sondern lehrt ihn auch, sich geistig zu öffnen.
 
  Den einzelnen Kapiteln vorangestellt ist jeweils ein philosophischer Gedanke. Ein besonders schöner ist dieser hier:
  „Marcus, wissen Sie, was die einzige Möglichkeit ist, um herauszufinden, wie sehr Sie jemanden lieben?“
 „Nein.“
 „Ihn zu verlieren.“
 
 „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist ein unterhaltsam erzählter, spannender Thriller, voller überraschender Wendungen. Und eine eindringliche Liebesgeschichte. Und ein überzeugender Amerikaroman (wunderbar gekonnt, wie er das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt schildert), von einem jungen Schweizer notabene.

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