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Alfred Riepertinger
Mein Leben mit den Toten
Ein Leichenpräparator erzählt

Heyne
2012
272 Seiten
€ 19,99


Von Hans Durrer am 15.08.2013

  Für Alfred Riepertinger ist der Beruf des Leichenpräparators einer „der schönsten und interessantesten Berufe der Welt“ und davon erzählt er in diesem Buch, dem der Kriminalbiologe Mark Benecke ein Vorwort beigegeben hat, worin er treffend festhält: „Das Buch ist nicht lustig, aber sehr unterhaltsam; es ist nicht grausig, aber sehr offenherzig; es ist sehr menschlich, aber zugleich morbide.“
 
  Wie wird jemand Leichenpräparator? Nun ja, Alfred Riepertinger begeisterte sich schon in seiner Jugend für Leichenwagen, Krankenhagen, Feuerweh und Friedhöfe. Er macht einen Lehrabschluss mit dem Facharbeiterbrief bei der Firma Rodenstock, arbeitet im Nebenjob als Beerdigungsleiter, macht Musik in einer Band und landet dann eines Tages in der Pathologie – es war ihm so bestimmt, dies jedenfalls der Eindruck, den man beim Lesen gewinnt. Und obwohl er in diesem Beruf täglich mit dem Tod zu tun hat, wird der Leichenpräparator verschont von dem Schmerz der Angehörigen, die Bestatter, Ärzte und Psychologen aushalten müssen.
 
  „Mein Leben mit den Toten“ ist ein Buch, das aufklärt. So lernt man unter anderem, „dass Frauen zu extrem zerstörerischen Suiziden neigen, die den Körper regelrecht zerfetzen: Schienen. Springen. Männer tendieren zum Erhängen oder Erschiessen.“ À propos Erschiessen: ein Schuss in den Kopf endet nicht, wie das Fernsehkrimis zeigen, mit einem kleinen Löchlein im Kopf, sondern verwandelt einen ganzen Raum in ein Schlachtfeld.
 
  Ist man einmal tot, beginnt schon bald der Verwesungsprozess, damit meint man das Verschwinden von allem Gewebe wie Muskeln, Organen, Sehnen und Haut. Was bleibt, sind die Knochen. Was auch verschwindet, ist manche Illusion, wie Geoges Clemenceau einmal feststellte: „Die Friedhöfe der Welt sind voll von Leuten, die sich für unentbehrlich hielten.“
 
  „Wie tot ist tot?“ ist ein Kapitel überschrieben. Drei sichere Todeszeichen, so lernt man da, sind Leichenflecken (die bereits nach zwanzig bis dreissig Minuten nach Eintritt des Todes erscheinen), Leichenstarre und Fäulnis. Unsichere Faktoren sind hingegen: lichtstarre Pupillen, Herzstillstand, Pulslosigkeit. Die Angst, lebendig begraben zu werden, ist ja bekanntlich nicht ganz unbegründet, wie man immer mal wieder der Presse entnehmen kann. Um sicher zu gehen, wird in Wien auch heutzutage noch der Herzstich angeboten. „Hierfür gibt es ein spezielles Herzstichmesser; dieser Service kostet circa 300 Euro.“ Und war vermutlich günstiger als Arthur Schnitzler, der selber Arzt war, ihn in Anspruch nahm. Von Nikolai Gogol wird übrigens berichtet, er habe ganz furchtbare Angst davor gehabt, als Scheintoter begraben zu werden. Als man dann sein Grab öffnete, lag sein Körper auf der Seite ...
 
  „Wir lernen von den Toten“, schreibt der Autor. Und genau deswegen macht man auch Obduktionen. Die Todesursachen, welche die Pathologen finden, weichen zu 20 bis 30 Prozent von denjenigen der Ätzte ab. Eine höchst aufschlussreiche Studie aus den Jahren 1986/87 in der DDR, wo während eines Jahres alle verstorbenen Einwohner des Städtchens Görlitz obduziert wurden, ergab, dass 60 Prozent der Totenscheine eine falsche Todesursache angaben. Ein besonders spektakulärer Fall ereignete sich einmal in Hannover, wo eine Ärztin Herzversagen als Todesursache angab und dabei sechzehn Messerstiche im Rücken der Leiche übersah. Was Obduktionen übrigens auch zeigen, ist, dass jeder Mensch ein Gehirn hat, worüber sich Ludwig Wittgenstein einst wunderte: „Seltsamer Zufall, dass alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten.“
 
  Neben seiner Arbeit als Leichenpräparator ist Alfred Riepertinger auch seit Jahren in der Suchtprävention tätig, denn: „Es schmerzt mich, wenn das wunderbare Geschenk des Lebens mit Füssen getreten wird wie beim Alkohol- und Nikotinmissbrauch.“ Die häufig unterschätzte Gefahr bei jungen Menschen sieht er darin, dass die Gewöhnungszeit erheblicher geringer ist als bei Erwachsenen. Was er sich von seinen Vorträgen erhofft, ist, dass er den einen oder anderen erreicht, sodass er realisiert, dass er sein Leben selbst in der Hand hat. „Wenn ich manchmal im Sektionssaal vor so einem Körper stehe, der von seinem Besitzer systematisch zugrunde gerichtet wurde, hält sich mein Mitleid in Grenzen. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich, und iczh bin der Meinung, dass in der heutigen Zeit niemand behaupten kann, er hätte nicht gewusst, dass Alkohol und Nikotin ungesund sind.“

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