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J. M. Coetzee
Disgrace

Viking Books
1999
220 Seiten
Euro 26,24 DM 51,32


Von Anja Beuter am 21.05.2000

  Nachdem ich wirklich seit etlichen Jahren (seit dem Studium) den südafrikanischen Autor J.M. Coetzee auf meiner To-do-Liste hatte, habe ich es nun endlich geschafft, einmal einen Roman aus seiner Feder zu lesen, nämlich den im Subject genannten "Disgrace", für den er 1999 den Booker Prize kassierte. (Übrigens ist er damit, so weit ich weiß, der einzige Schriftsteller, der diesen renommiertesten Literaturpreis der englischsprachigen Welt *zweimal* mit nach Hause tragen und auf's Klo stellen durfte!).
  Coetzee ist neben Nadine Gordimer der bekannteste und - wenn man den Kanonisten Glauben schenken darf - wichtigste Schriftsteller Südafrikas, einer derjenigen, die nicht müde wurden und werden, die Geißel der Apartheid in seinen Geschichten anzuprangern, ohne Rücksicht auf möglicherweise daraus resultierende Benachteiligungen für seine Person. Daß das südafrikanische Apartheid-Regime nicht gerade zimperlich mit kritischen Journalisten und Schriftstellern umging, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden, da ein Trivium. So weit mir bekannt ist, wurde sein Roman "Waiting for the Barbarians" seinerzeit sogar auf den Index der verbotenen Schriften gestellt. (Ich gebe zu, das habe ich jetzt aus meinen Erinnerungen an die Äußerungen eines von Coetzee begeisterten Dozenten gekramt, müßte das noch einmal genauer recherchieren.) Coetzee hat insgesamt sieben Romane verfaßt, er lehrt als Professor für Literatur an der Universitaet von Kapstadt.
 
  "Disgrace" ist ein kompromißloser Roman über einen Professor mittleren Alters, dessen Leben dem typischen Zickzack großer beruflicher Erfolge und privater Mißerfolge sowie der einen oder anderen verpaßten Chance entsprechend verläuft: Zweimal geschieden, Vater einer erwachsenen Tochter, auf unzählige Affären zurückblickend, ist David Lurie derzeit ohne Beziehung und ("For a man of his age, fifty-two, divorced, he has, to his mind, solved the problem of sex rather well." - so der Anfangssatz des Romans) regelmäßiger Kunde bei der Prostituierten Soraya.
  Dass er seiner Lehrtätigkeit nur mehr leidenschaftslos deshalb nachkommt, weil sie ein Bestandteil seines Jobs ist, quittieren seine Studenten ebenfalls mit Teilnahmslosigkeit und Gelangweiltsein. Er nimmt es, so erfahren wir vom Erzähler, fast schon emotionslos zur Kenntnis. Er hat sich in diesem Leben eingerichtet, ist nicht glücklich, aber auch nicht unzufrieden. Es ist halt so, wie es ist, und es ist nicht das Schlechteste, so die zynische Bestandsaufnahme seiner Lebensführung.
  Doch es geschieht etwas, das ihn aus der Bahn wirft, das sein Leben so sehr verändert, daß es ein Zurück nicht mehr geben kann: Er verliebt sich in eine Studentin und beginnt eine heftige Affäre mit ihr. Es ist eigentlich gar keine Verliebtheit (er weiß selbst lange nicht, was es ist), sondern mehr ein Aufflackern sexueller Begierde für dieses junge Mädchen, mit dem er leichtes Spiel zu haben glaubt. Doch da gibt es noch empörte Eltern, einen aggressiven Boyfriend, und - ohne daß der Leser erfährt, wie Melanie die ganze Sache sieht - ehe die Sache eigentlich richtig angefangen hat, hat Lurie eine Klage wegen sexueller Nötigung am Hals und sieht sich einer universitätsinternen Kommission gegenüber, die den Fall verhandeln soll. Um's kurz zu machen: Die Tratschmaschinerie lief schon auf höchsten Touren, die Vorverurteilung war nur eine Frage kürzester Zeit, und am Schluß verliert Lurie seinen Job.
  Nun steht er ohne alles da: keine Familie, keinen Job, und sein Ansehen ist auch zum Teufel. Er packt seine Koffer und fährt zu seiner Tochter Lucy, die in der Steppe des östlichen Südafrikas eine eigene Farm betreibt. Lucy nimmt ihn bei sich auf, und was folgt, ist eine Reise in die eigene Vergangenheit ebenso wie eine tiefe innere Selbstreflexion, bei der ein äußerliches Ereignis auch das Vater-Tochter-Verhältnis auf eine harte Probe stellt: Hatte Lurie in der Abgeschiedenheit der ländlichen Farm eigentlich nach etwas Ruhe und Zeit zum Nachdenken über sich selbst gesucht, so zwingen ihn die Geschehnisse dazu, sich gleichzeitig auch auseinanderzusetzen mit seiner Ohnmacht als Vater und seiner veränderten Rolle als Weißer in einem Land, in dem das Ende der Apartheid nicht nur Harmonie und Solidarität, sondern auch harte Probleme hervorgerufen hat. Eine emotionale wie intellektuelle Tour de Force - für den Protagonisten ebenso wie für den Leser!
 
  Der Roman erfreut durch seine außergewöhnliche sprachliche Präzision, die mich stellenweise an McEwan oder Swift erinnerte. Die Vermittlung der Geschehnisse, wiewohl durch den sogenannten "allwissenden Erzähler" erzählt, geschieht durchweg aus der subjektiven Sicht Luries. Diese gleichbleibende perspektivische Brechung, diese ausschließliche intensive Fokussierung von Luries Gedanken- und Gefühlswelt macht den Leser von Anbeginn an zu Luries Verbündetem. Gleichzeitig verleiht die für narrative Texte eher untypische präsentische Form dem Roman eine Direktheit und Unmittelbarkeit, die es dem Leser schwerfallen läßt, "Disgrace" aus der Hand zu legen. Eigentlich müßte man ihn in einem Rrutsch durchlesen...
  Überdies halten einen die äußeren Ereignisse und die schonungslose Selbstabrechnung Luries von Anfang bis Ende in Atem, lassen einen gebannt die Entwicklung der Geschichte verfolgen und miterleben, ohne daß der Plot einen vor Ereignisfülle erschlagen würde - im Gegenteil: Der Roman kommt trotz teilweise monströser Erfahrungen der Figuren auffallend ruhig und abgebrüht daher.
  Wer mal wieder einen richtig guten Roman lesen möchte und gleichzeitig auch an Südafrika interessiert ist, der sollte sich diesen Coetzee nicht entgehen lassen: "Chilling, uncompromising and unforgettable - 'Disgrace' is a masterpiece." Diesem Klappentextfazit schließe ich mich an!

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