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Joe Brainard
Ich erinnere mich
(I Remember, 1975)

Walde+Graf
2011
160 Seiten
ISBN-13: 9783849300159
€ 14,95


Von Volker Frick am 01.08.2013

  Joe Brainard (1941-1994) erinnert vieles, und wird als ein Meister der Collage und Assemblage, als ein Zeichner, Maler und als Dichter erinnert werden. Er entwarf Bühnenbilder für Stücke von Frank O'Hara und LeRoi Jones, war befreundet mit John Ashbury, Kenneth Koch und James Schuyler, und mit dem Dichter Ron Padgett wuchs er auf. Erst 2012 drehte der Filmemacher Matt Wolf den 24-Minuten-Film „I Remember“, featuring Joe Brainard und Ron Padgett. Letzterer hat bereits 2004 das Buch „Joe: A Memoir of Joe Brainard“ veröffentlicht. Die Kollaborationen mit bildenden Künstlern und Dichtern bildet „1984“, 1983 originär im März Verlag erschienen, die bislang Zeit einzige Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum, adäquat ab, eben, die Zusammenarbeit mit Bill Berkson, Ted Berrigan, Kenward Elmslie oder Harry Mathews und bereits Genannten.
  Fast 40 Jahre nach dem Originalerscheinen von „I Remember“ 1975 (Neuauflagen erschienen 1995 und 2001) hat dies Buch von Joe Brainard, das eigentlich die zusammenfassende Sammlung dreier vorhergehender Publikationen von Brainard darstellt, „I Remember“(1970), „I Remember More“(1972) und „More I Remember More“(1973), nichts von seiner historischen Frische verloren. Wesentlich im Detail, doch obwohl die Euphorie von Paul Auster über dieses Buch - vorab abgedruckt, dämlich beginnend „Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich 'I Remember' gelesen habe.“ - in ihrer Berechtigung unbestreitbar ist, und trotz seiner Lobpreisung dieser unzweifelhaft einzigartigen Reminszenz an die Zeitlosigkeit der Erinnerung, entblödet Paul Auster sich nicht, Schubladen zu öffnen, und zu schließen. So und so viel Einträge in diesem Buch hierzu und dazu, und indem er versucht dieses Buch zu erfassen, somit einzelne Einträge einer höheren Ordnung zuzuschreiben, sie zu kategorisieren, nun, das kann man machen, aber: Thema verfehlt.
  Auf fast 200 Seiten finden sich eine Unmenge an kleinen, sehr kurzen Einträgen, die aus einem Satz, mal aus zwei Sätzen, manchmal drei oder mehreren Sätzen bestehen, und die in ihrer Reduktion darauf beharren, ein Bild zu evozieren. Das gelingt je nach Zeitgenossenschaft und Kulturraum. Das Buch ist in Übersetzung auch in Frankreich, Spanien und Japan erschienen.
  Die Einträge stehen mal mehr, mal weniger inhaltlich mit vorhergehenden oder folgenden Einträgen in Verbindung. Kindheits- und Jugenderinnerungen, die persönliche Erfahrungen als auch Wahrnehmungen der Aussenwelt aufgreifen, in ihrer Gesamtheit dem Erwachsenwerden geschuldete unterhaltsame wie irritierende Bilder wiedergeben. Spot an, denn, wenn auch nicht ausschließlich, so finden doch auf dem Grund der Lektüre Belichtungen der eigenen Wahrnehmungen, Erfahrungen statt – ja, eigene Erinnerungen tauchen auf aus der Tiefe der Vergangenheit. Das ist sehr schön:
  „Ich erinnere mich, dass man oft nach etwas sucht, von dem man genau weiß, dass es da ist, und dass es dann eben doch nicht da ist.“ Joe Brainard zumindest ist mit diesem Buch endlich wieder da, und, last but not least ist die Übersetzung dieses Buches durch Uta Goridis angemessen entspannt und bewegt sich geschmeidig entlang der unterschiedlich aufgeladenen Sentenzen dieses Werkes. Ein tolles Buch! Und: Ich erinnere mich, durch das Fenster der Fahrertür eines geparkten Wagens geschaut zu haben, um zu erfahren, wie spät es ist.

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