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Hans Durrer
Inszenierte Wahrheiten
Essays über Fotografie und Medien

Rüegger Verlag
2011
122 Seiten
ISBN-13: 978-3-7253-0966-5
€ 15,50


Von Alexander von Arx am 18.05.2013

  Um es auf den Punkt zu bringen sind Hans Durrers Essays – diesmal im vom Ruegger herausgegebenen Verlag ”Inszenierte Wahrheiten” – ein Kaleidoskop an Betrachtungen ueber Bilder und Banalitaeten des Alltags. Einige dieser Bilder kennen wir als einigermassen interessierte Leser zeitgenoessischer Medien, von anderen haben wir anderweitig gehoert und wieder andere sind uns gaenzlich unbekannt. Bei der Lektuere von Durrers Buch wird uns klar, dass wir die Bilder, die Durrer betrachtet, auch gar nicht kennen muessen. Denn seine Essays drehen sich mehr um die Beziehung des Fotografen zu seinen Sujets als um die Bilder selbst. Allerdings sei eingeraeumt, dass der Unterhaltungswert der Lektuere selbstverstaendlich gesteigert wird, wenn man die Bilder kennt, die Durrer auseinandernimmt – zumal man ja am besten ueber die Dinge lacht, die einem bekannt sind. ”Auseinandernehmen” ist wohl ein guter Begriff um Durrers Zugang zur Bilderflut des Medienalltags zu bezeichnen. Der Begriff der Dekonstruktion waere eine unzutreffende Bezeichnung um Durrers Zugang zur medialen Welt der Bildrer zu umreissen, da dieser zu sehr an die postmodernen akademischen Diskurse anlehnt. Hingegen scheint ”Auseinandernehmen” ein geeigneter Begriff zu sein. Dieser erinnert an Kinder, die irgendetwas ”auseinandernehmen” – ihre Neugierde an einem Objekt austesten und im ”Auseinandernehmen”, das Wesen des Objektes erfahren und erforschen wollen. Beispiele von Durrers Objekten stammen aus den Bereichen des politischen Journalismus, der Kriegsfotogragfie und der Kunst. Gegenstand sind dabei die bildliche Berichterstattung von hoeheren und minderen Persønlichkeiten a la Bush und Chirac, die Polemiken rund um den Kuenstler Salgado oder eben Socken auf der Strasse. Socken auf der Strasse? Ja, Durrers Nachwort schliesst mit einer Geschichte ueber nasse Socken, die wir wohl als Schluessel zu seinem Denken begreifen duerfen. So banal der Fund ein paar dreckiger Socken auf der Strasse sind, so bedeutsam werden diese Socken, wenn sie – zum Beispiel mit einer Kamera – in Existenz geschossen werden oder nochmehr, wenn der Eigentuemer sich zu Worte meldet...
 
  Die Darstellung menschlichen Elendes und die Hintergruende ihrer Entstehung beschaeftigen Durrer. Doch er interessiert sich dabei weniger fuer den sozialen oder politischen Kontext sondern mehr fuer den Moment ihres Entstehens, der Beziehung des Fotografen zu seinem Sujet und schliesslich, wie die Bilder den Rezipienten erreichen. Erschreckend dabei ist, dass viele jener Bilder, die uns bekannt werden, verblueffend einfach entstanden sind, indem der Fotograf lediglich auf den Ausløser drueckt. Als Beispiel zieht Durrer Michael von Graffenrieds Bilder vom Alltagsleben im algerischen Buergerkrieg heran, welche von Graffenried – um unbemerkt zu fotografieren – aus Huefthoehe geschossen hat. Die Zufaelligkeit des ”Schusses” geht bisweilen Hand-in-Hand mit Respektlosigkeit, die eben auch in der Reportergilde grassiert: Um moeglichst nahe ans Geschehen ranzukommen, wird vorgedraengelt und auf Respektsbezeugungen verzichtet. Die dabei entstehenden Bilder koennen bewegen oder auch nicht: In jedem Fall bewegen sie, wenn die Respektlosigkeit beim Ablichten von Menschen im Elend so deutlich wird, wie – beispielsweise bei James Nachtweys Bildern ueber Opfer des Krieges in Kosovo.
 
  Durrer nimmt den Anspruch des Fotografen aufs Korn, in dem er nach seiner Intention fragt und diese ”auseinandernimmt”. Sich mit menschlichem Elend zu konfrontieren, genau hinzuschauen, ist eine Voraussetzung dafuer die Wahrheit zu erkennen. Doch tut man genau hinschauen, wenn man unablaessig auf den Abloeser drueckt, um der Gegenwart ein paar Augenblicke zu entreissen? Die Antworten, die uns Durrer hierzu gibt, sind vielschichtig, denn genaues Hingucken fordert nicht nur Zeit und Geduld, sondern die Faehigkeit sich fuer den Augenblick zu oeffnen. Dies scheint banal, doch ist in der Tat komplex. In der fortschreitenden Lektuere gelingt es dem Autor, den Leser ueber die Bilder zum Staunen zu bringen. Klar wird, dass sowohl fuer den Fotografen wie auch den Betrachter sich die Oeffnung fuer den Augenblick nicht nur ueber das Auge sondern auch der Bilderlegenden erschliesst. Denn nur in Kombination mit Worten ist genaues Hingucken moeglich und – wenn nicht fuer den Fotografen, so fuer den Rezipienten. In dieser Hinsicht ist Durrers Buch eine gelungene Bereicherung fuer die Rezepetionsaesthetik im Bereich der Fotografie.

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