Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Connie Palmen
Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
(Logboek van een onbarnhartig jaar)

Diogenes
2013
Übersetzt von Hanni Ehlers
264 Seiten
ISBN-13: 978-3257068597
€ 21,90


Von Hans Durrer am 16.04.2013

  Am elften November 2009 heiraten die Schriftstellerin Connie Palmen, geboren 1955, und der vierundzwanzig Jahre ältere Politiker Hans van Mierlo. Genau elf Jahre und elf Tage sind die beiden an diesem Tage ein Paar. Am elften März 2010 stirbt van Mierlo. Das „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ beschreibt Connie Palmens Zeit danach.
 
  Warum ein Logbuch, warum kein Tagebuch? Und was ist das überhaupt ein Logbuch? „Das Wort Tagebuch sagt mir nicht zu. Ein Tagebuch ist regressiv, mädchenhaft, weckt zu viele Erinnerungen an die Zeit, da ich tatsächlich Tagebuch führte, von meinem zehnten bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, ein ohnmächtiges Schreiben als Gegengewicht zu meinem Verschweigen. 'Logbuch' erscheint mir besser. Man kann ein Log in den Strom des Kummers senken, dessen Geschwindigkeit messen, dessen Tiefe peilen. Da darf man auch tagelang untätig liegen bleiben, weil man nicht mehr weiter kann, weil das Log im Schlamm stecken geblieben ist oder weil man an der eigenen Ohnmacht angelegt hat ... Mit einem Log kann man die Schiffsgeschwindigkeit messen. Man senkt es an einer mit Knoten versehenen Leine ins Wasser, die man durch seine Hände gleiten lässt. Die Knoten auf der Leine haben einen einen festgelegten Abstand voneinander, der einer verstrichenen Zeit entspricht. Fahrtrichtung und Kurs auf offener See kann man damit zwar nicht bestimmen, wohl aber die Distanz, die man von da nach dort zurückgelegt hat, und somit die Position.“
 
  Connie Palmens Logbuch handelt von der Liebe, und es handelt vom Tod, denn die beiden gehören zusammen: „ich sage, dass die Liebe und der Tod untrennbar miteinander verbunden sind, dass man von dem Moment an, da man liebt, mit dem Tod befasst ist, mit vorauseilender Trauer um einen Tod, der kommen wird, und manchmal um Trauer um das, was nicht war.“ Dieses Buch ist voll von solch hellsichtigen Einsichten, doch es ist auch noch was ganz anderes, es ist auch ein Buch darüber, dass Liebe weh tut, schmerzt, und aus Angst manchmal fast nicht auszuhalten ist. Weil sie schön ist, tut sie weh.
 
  „Erinnerungen an unsere letzten Wochen lasse ich nur in dosierter Menge zu, sie schmerzen zu sehr.“ Halt geben ihr Sätze wie diese: „Du darfst nie vergessen, dass ich nie zuvor eine Frau so sehr geliebt habe wie dich, dass dich zu heiraten das Schönste ist, was ich je getan habe, und dass ich die vergangenen elf Jahre die glücklichsten Jahre meines Lebens gewesen sind.“ Nicht, dass es nur gute Zeiten gewesen wären. Es gab auch Streitereien, Beleidigungen und Alkohol, und die Erinnerung daran schmerzt: niemand entgehe dieser Reue, meint Palmen sicher zu Recht.
 
  Im Jahre 2001 habe ich „I.M.“ (ebenfalls bei Diogenes erschienen) gelesen, Connie Palmens bewegende Auseinandersetzung mit ihrer anderen grossen Liebe, dem in den Niederlanden bekannten Talkmaster, Entertainer und Journalisten Ischa Meijer, der im Februar 1995, im Alter von 52 Jahren, an einem Herzinfarkt stirbt. Ich erinnere mich nicht mehr an die Details der Geschichte, doch präsent ist mir nach wie vor ein ungeheuer intensives Leseerlebnis. Vorzustellen, dass sich diese Frau noch einmal verlieben könnte, war mir damals unmöglich. Dass und wie eine andere, gleichermassen unfassbare Intensität wieder möglich wurde, erzählt dieses Logbuch, worin auch ein ganz wunderbares Gedicht zu finden ist, das wie folgt endet:
 schau
 es ist viel schlimmer
 als du denkst
 wenn du denkst
 ist es noch schlimmer

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.