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John Lanchester
Kapital
(Capital)

Klett-Cotta
2012
Übersetzt von Dorothee Merkel
682 Seiten
ISBN-13: 978-3608939859
€ 24,95


Von Hans Durrer am 22.01.2013

  Wie schreibt man ein überzeugendes Buch über die Finanzkrise? So wie es John Lanchester in „Kapital“ tut: er schildert ganz einfach das Leben in den einzelnen Häusern der Pepys Road im Süden Londons, die im Laufe der Jahre zunehmend an Wert gewonnen haben. Da lebt etwa der Banker Roger Yount mit seinen zwei Kindern und seiner sehr verwöhnten Ehefrau. Und der junge senegalesische Fussballer Freddy Kamo. Und die Witwe Petunia Hope. Und pakistanische Kioskbesitzer. Und und und ... Diese einzelnen Lebensschicksale schildert Lanchester anschaulich, mit viel Einfühlungsvermögen, Witz und Lebensklugheit, und liefert damit eine veritable „comédie humaine“ vom Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
 
  „Er schaute aus dem Fenster und sah zu, was auf der Strasse unten so vor sich ging: alte Leute, die sich mit ihren Einkaufstaschen vom Supermarkt nach Hause kämpften, eine Nutte auf Drogen, die zusätzlich noch ein Bier hinunterschüttete, asoziale Mütter aus der Siedlung mit ihren madig-weissen Babys und Immigranten aus Wer-weiss-wo, dem Kosovo wahrscheinlich, oder wo auch immer der letzte Schwung gerade herkam. Es war ziemlich laut da draussen. Der Verkehr brauste durch die Strasse, und irgendwo war ein Pressluftbohrer in Betrieb. Überall hatte die Leute ihre vollkommen überfüllten orangefarbenen Recycling-Säcke übereinandergestapelt, und weil sie noch nicht abgeholte worden waren, wurde das gehen auf dem Bürgersteig zu einem Hindernislauf von geradezu militärischen Ausmassen.“ Viel besser kann man das moderne Grossstadtleben kaum schildern.
 
  Es ist dies ein glänzend erzähltes Buch, das mich oft laut auflachen liess. Und mich immer mal wieder dazu verleitete, mir Stellen anzustreichen, die ich mir merken wollte. Beispiele gefällig?
 „Es gab ein englisches Sprichwort, das Zbigniew liebte, eine Redewendung die so gut war, dass sie fast aus Polen hätte stammen können: Du lebst ein gutes Leben, solange du niemals nachlässt.“
 „Es war zweifellos klasse, seinen Gefühlen Luft zu machen, aber viel klüger fand er es, der Person, die versuchte, einem das Leben schwer zu machen, selbst das Leben so schwer wie möglich zu machen.“
  Quentina Mkfesi, Bachelor and Master of Science (in Politikwissenschaften an der Universität von Zimbabwe, Thema der Magisterarbeit: Postkonfliktäre Lösungsmodelle in Gesellschaften mit nicht postkolonialem Hintergrund, mit besonderem Schwerpunkt auf Nordirland, Spanien und Chile) ...“
 „Ihre Uniform bestand aus einer dunkelgrünen Jacke mit einem blassgrünen Gurt, einer Hose mit weisser Borte und einer Schirmmütze. Darin sah sie aus, als sei sie einem Film der Marx Brothers entsprungen, in dem sie einen ruritanischen Oberst der Zollbehörde verkörpern sollte.“
 
  Eines schönen Tages liegt bei allen Hausbesitzern der Pepys Road eine anonyme Postkarte, die ein Foto des jeweiligen Hauses zeigt, im Briefkasten: „Wir wollen, was ihr habt.“ Die Drohung landet auf dem Schreibtisch von Kriminalinspektor Mill bei der Metropolitan Police. Der Grund dafür war, das „für alle Institutionen geltende Prinzip“: „Die grösste Scheisse wird immer von oben nach unten weiter gereicht“. Mill macht sich Notizen: „Belästigung. Unbefugtes Betreten? Verletzung der Privatsphäre? Asoziales Verhalten.“ Mit anderen Worten, Mill hatte keinen blassen Schimmer, was er davon halten und wie er vorgehen sollte ...
 
  Das 700-Seiten Epos ist spannend geschrieben, leicht zu lesen und auf vielfältige Art inspirierend. Der englische Originaltitel „Capital“ meint ja nicht nur Geld, sondern auch Hauptstadt und „Kapital“ ist denn auch kein Buch über die Finanzkrise allgemein, sondern über die Finanzkrise in London von Ende 2007 bis Ende 2008. Lanchesters überragende Erzählkunst bewirkt, dass die so ganz unterschiedlichen Protagonisten noch lange nachwirken.

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