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Dominique Manotti
Das schwarze Korps
(Le corps noir)

Argument Verlag
2012
Übersetzt von Andrea Stephani
280 Seiten
ISBN-13: 978-3867542067
€ 17,90


Von Hans Durrer am 01.12.2012

  Wer schon einmal Dominique Manotti gelesen hat, weiss, dass diese Frau einen ganz eigenen Stil hat, der einen sofort gefangen nimmt. Okay, genauer: mich nimmt er gefangen. Doch ich bin ja nun so eine Ausnahme auch wieder nicht. Und mir gewiss: anderen wird es auch so gehen. Eine Kostprobe gefällig?
 
  „Eine wahrhaft spartanische Dachkammer im sechsten Stock in der Rue d'Assas. Roher Holzboden, geweisste Wände, ein schmales Eisenbett, ein Spülstein, ein Gaskocher, ein kleiner Tisch, ein Schrank, zwei Velourssessel, ein paar Bücher, nur erlaubte Literatur und eine Bibel. Einziger Luxus: eine Fenstertür, die auf einen winzigen schmiedeeisernen Balkon führt, der blassblaue Himmel, von fliehenden weissen und grauen Wolkenfetzen durchzogen, und die je nach Licht ihre Farben und Formen ändernden Dächer von Paris. Domecq, müde nach einer schlaflosen Nacht, die er damit verbracht hat, dem durch die stille Stadt fegenden Wind zu lauschen, hat seinen Sessel vor die offene Fenstertür gerückt, die Füsse aufs Balkongeländer gelegt und geniesst mit geschlossenen Augen die Morgensonne. Von Zeit zu Zeit trinkt er kleine Schlückchen eines vorzüglichen brühheissen Kaffees, sehr würzig, nicht bitter, konzentriert sich auf diesen Geschmack, der ihn durchströmt, sich dann langsam in seinem Mund verflüchtigt. Ein Päckchen Kaffee, das der Wirt des Capucin, auf anhaltend gutes Einvernehmen mit den Inspektoren von der Sitte bedacht, ihm gestern zugesteckt hat wie jede Woche.
  Noch ein Schluck. Am Ende hat es den Krieg und die Besatzung gebraucht, damit ich guten Kaffee schätzen lerne. Plötzlich fliegen irgendwo die Fenster auf, knallen gegen die Hauswand, unbekannte Männer- und Frauenstimmen brüllen: 'Die Engländer sind da ...'.
  Domecq richtet sich auf, verschüttet seinen Kaffee, verbrennt sich, beugt sich übers Geländer. Kein Mensch zu sehen. Sechs Stockwerke tiefer liegt die Rue d'Assas ruhig im Sonnenschein.“
 
  „Das schwarze Korps“ spielt im besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs, wo die SS und die französische Gestapo herrschen. Manotti konzentriert ihre Schilderung auf die Welt der Kollaborateure, die mit den Nazis Geschäfte machen. Dabei geht es erschreckend brutal zu und her: ein schreiendes Baby wird kurzerhand aus dem Fenster geworfen, ein Mann, der im Weg steht, einfach erschossen, eine Frau bewusstlos geschlagen und dann vergewaltigt.
 
  Auch wenn, wie Manotti in ihren Anmerkungen zum historischen Kontext schreibt, „Das schwarze Korps“ kein Schlüsselroman sei, so bewegen sich die erfundenen Haupt- und Nebenfiguren doch „in einem besten dokumentierten Kontext“: die Kapitel werden jeweils durch eine kurze Schilderung der Lage an der Front eingeleitet; die Randfiguren in diesem Werk – die Schriftsteller, Theaterleute, Damen von Welt, Politiker, Verbrecher, Handlanger, Halbweltdamen etc. – „haben existiert und treten im Roman unter ihrer wahren Identität auf“. „Im Festrausch von 1944“ wird gesoffen, gehurt, in grossem Stil geklaut und Schutzgeld erpresst, der Mensch (es gibt auch ein paar Ausnahmen) als Schwein vorgeführt.
 
  „Das schwarze Korps“ ist nicht nur ein spannender Thriller, sondern auch ein illusionsloser Blick auf den menschlichen Egoismus, der in solchen Zeiten ungebremst sein Unwesen treibt. Einziger Lichtblick ist dabei Inspecteur Domecq von der Sittenpolizei, ein gaullistischer Agent, der für den Widerstand arbeitet.
 
 Auch wenn die geschilderten Geschehnisse fiktiv sind, was die Haupt- und Nebenfiguren „tun, was sie denken, was sie sagen, das haben geschichtliche Akteure sehr wohl getan, gedacht, gesagt“, schreibt Manotti, die mit diesem Roman anschaulich nachvollziehbar macht, wie grauenvoll sich Menschen verhalten können. „Das schwarze Korps“ ist ein notwendiges Buch.

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