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Carl Djerassi
Tagebuch des Grolls
1983-1983
(A Diary of Pique 1983-1984)

Haymon
2012
Übersetzt von Sabine Hübner
190 Seiten
ISBN-13: 978-3-85218-719-8
€ 19,90


Von Rudolf Kraus am 02.11.2012

  Carl Djerassi, Chemiker und „Mutter der Anti-Baby-Pille“ (1951), wurde 1923 in Wien geboren, musste 1938 vor den Nazis flüchten und emigrierte in die USA, wo er als emeritierter Professor der Chemie an der Stanford University bis 2002 wirkte. In den letzen Jahrzehnten wandte er sich verstärkt der Literatur zu: er verfasste Romane und Theaterstücke und nun vorliegend einen autobiographischen Gedichtband.
  Nun dieser Gedichtband basiert vordergründig auf einer Liebesgeschichte. Djerassi wurde 1983 von seiner großen Liebe Diane Middlebrook verlassen. Sie kehrte jedoch zu ihm zurück und 1985 fand die Hochzeit statt; die Ehe sollte bis zu ihrem Tod 2007 bestehen.
  Die vorliegenden Gedichte stammen aus der Zeit der Trennung und des Schmerzes und sie zeigen einen eitlen, arroganten aber auch verletzlichen Autor, der im Groll und aus Rache tagebuchartige Gedichte verfasst (und sie nach dem Tod von Diane Middlebrook überarbeitet hat).
  Djerassi geht heute sehr selbstkritisch mit sich selbst ins Gericht und das macht diese Gedichte umso interessanter. Der Groll war seine Muse, als er diese Lyrik verfasste und die Rache trieb ihn an, wie er in „Poetische Gerechtigkeit“ (S. 107) dichtet:
 
  „… Möge dein neuer Lover Nesselsucht kriegen / Bei der zärtlichsten, parfümierten Liebkosung. / Möge seine schwielig-geile Haut / Nässende Blasen werfen / Aus stinkendem, fettigem Schweiß. // Dann denk an mich.“
 
  Das ist gemein und von Rache und Groll durchzogen, beweist aber auch Humor und Sarkasmus. Ein damals 60-Jähriger verfasst nahezu polternde Verse auf seine große Liebe, verwünscht der neuen Geliebten und sinniert manchmal geradezu pubertierend, dann aber auch wieder sehr feinsinnig und poetisch: „Warum sind Chemiker keine Dichter?“ (S. 61 ff.):
 
  „… Jetzt wisst ihr, warum / Ein zerstreuter Chemiker, / Ein zaghafter Dichter, / Keine Zukunft haben.“
 
  Warum das so ist, müssen Sie selbst lesen und zwar in dieser wunderbaren zweisprachigen Ausgabe mit dem amerikanischen Original Carl Djerassis, übersetzt von Sabine Hübner (sehr gelungene Übersetzungen bzw. Nachdichtungen, bis auf das Gedicht „Nailed, plated and screwed“, das die Übersetzerin als unübersetzbar angibt). Und weil ich es nicht lassen kann, muss ich hier noch die letzten Verse von „My Island / Meine Insel“ (S. 76 ff.) zitieren, rein aus einem Narzissmus heraus:
 
  „… Ich wäre lieber kein Finne. / Doch eine finnische Insel? / Das schon. / Eher klein und sanft mit Moos bedeckt / Silbriges, weiches Moos für meinen Bart, / Wo Leckerbissen, Preiselbeeren gedeihen. // Fest, insgesamt verlässlich, / In der Nähe einer Nachbarinsel, / Wartend auf die Ankunft des nächsten Schiffs. // John Donne hat am Ende doch recht: / No man is an Island, intire of it selfe.“

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