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Édouard Levé
Selbstmord

Matthes & Seitz
2012
128 Seiten
ISBN-13: 978-3882215915
€ 17,90


Von Volker Frick am 23.10.2012

  Der Autor ist im Alter von 42 Jahren verstorben, bekannt als Fotograf, mit einem eher schmalen dichten literarischen Œuvre von vier Prosabänden [„Oeuvres“, „Journal“, „Autoportrait“ und „Suicide“], beendete dieses letzte Buch wenige Tage bevor er sich suizidierte.
  Erzählt wird die Geschichte eines 25jährigen anonymen Mannes, der gemeinsam mit seiner Frau auf dem Weg zum Tennis innehält, seinen Tennisschläger als vergessen apostrophiert, umkehrt ihn zu holen, und sich die Kugel gibt. Diese dem Slapstick verhaftete Einstiegsszene erinnert an das Ende von „Autoportrait“, einem mit kalter Hand geschriebenen Selbstporträt, in dem, da alles andere abwesend, ein Selbst durch die Abwesenheit des Autors mit betörender Präzision erzählt wird … und auch „Selbstmord“ ist ganz großes Tennis. Fragmente der Erinnerung. Der Erzähler gibt das 'Ich' und auch das 'Du': „Ob wahr oder falsch – du hast an das geschriebene Wort geglaubt.“ Der Erzähler wendet sich an den Toten, eine Technik, der es als Ansprache ('Du') gelingt Lesende beunruhigend zu adressieren, als ob diese Worte an uns gerichtet sind – nach unserem Tod.
  Eine Charakterstudie qua Anekdoten, die sich zunehmend nach innen wendet, und unglaublich persönliche Dinge offenbart. Der Erzähler artikuliert seine Beziehung zum fiktiven Objekt nicht, und ist selbst kaum mehr als eine körperlose Stimme. Formal ungewöhnlich findet die sich nach innen wendende schizoide Narration am Ende des Buches in einer Stimme sich wieder, in einem langen Gedicht, einer Reihe von Terzetten. Ein ganz und gar unorthodoxer Epilog, ein ganz und gar ungewöhnlich guter experimenteller Roman.
  „Selbstmord“ als ein Werk der Literatur erneuert sich durch den Tod des Autors. Es ist zu einfach Levés Selbstmord als Thema dieses Buches zu attribuieren – aber es ist schier unmöglich beide als sich gegenseitig ausschließend zu denken. Lesende von „Selbstmord“ können den Tod des Autors durch Suizid nicht ignorieren: das Buch spiegelt ihn. Paradox sie einzeln zu sehen, finden sie sich in der Schwebe, wiederspiegelnd den Blick in den Spiegel: eine unendliche Reihe zurückweichender Bilder ohne ersichtliches Muster. Diszipliniert und monoton unsentimental in zurück genommenem Tonfall effektiv und eindrucksvoll erzählt. Immerhin ist der vermeintliche Protagonist bereits auf der ersten Seite tot. Das rockt.

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