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Boris Johnson
72 Jungfrauen
(Seventy.Two Virgins, 2005)

Haffmans & Tolkemitt
2012
Übersetzt von Juliane Zaubitzer
410 Seiten
ISBN-13: 978-3942989138
€ 19,95


Von Alfred Ohswald am 18.09.2012

  Der amerikanische Präsident ist auf Staatsbesuch in Großbritannien und auf dem Weg ins Oberhaus in London, um dort eine Rede zu halten. Aber auch eine Gruppe arabischer Terroristen ist in einem gestohlenen Krankenwagen auf dem Weg dorthin. Sie planen eine wirklich spektakuläre Geißelnahme.
  Und tatsächlich funktionieren die sehr umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen wegen zahlreicher dummer Zufälle nicht wie gewünscht.
 
  Boris Johnson ist konservativer Politiker und Bürgermeister von London und geradezu legendär wegen seines überaus ungeschickten Umgangs mit der Presse. An manchen Stellen des Romans wird seine, für deutschsprachige Verhältnisse schon ein wenig ans Reaktionäre grenzende politische Einstellung auch merkbar.
  Davon abgesehen ist es eine hervorragend gelungene Politsatire, die ein wenig an den Film „Four Lions“ erinnert, ohne dessen dann doch überragende Genialität zu erreichen. Es bleibt aber ein geradezu mustergültiges Beispiel für schwarzen britischen Humor. Reichliche Anspielungen erinnern manches Mal an tatsächliche Ereignisse und Personen. So ist etwa der amerikanische Präsident relativ leicht als George W. Bush jr. Zu erkennen.
  Der ganze Roman spielt innerhalb weniger Stunden, wenn man von den relativ seltenen Rückblenden absieht. Der Schreibstil hinterlässt den Eindruck, die Ereignisse würden sich mit geradezu atemberaubendem Tempo abspielen, was aber bei genauer Betrachtung gar nicht der Fall ist. Die oft extrem häufen Perspektivenwechsel sind einer der Grüne für das scheibar hohe Tempo.
  Gelungene politische Satire ist ohnehin recht selten, erst recht über den islamischen Terror. Gerade einer derart humorlosen Ideologie soll man mit Satire gegenübertreten.
  Ein Bonus des Verlages soll vielleicht noch Erwähnung finden, hinten im Buch ist ein Code abgedruckt, mit dessen Hilfe die Leser sich den Roman noch zusätzlich als eBook von den Webseite des Verlages holen können.

Von Hans Durrer am 23.10.2012

  Boris Johnson, geboren 1964 in New York, studierte klassische Philologie, wurde Journalist und ist heute Bürgermeister von London. Das ist doch ein full time job, sagte ich mir, wie kann der da noch einen Krimi schreiben? Na ja, den hat er bereits 2005 geschrieben (auf Englisch, die hervorragende deutsche Übersetzung besorgte Juliane Zaubitzer), und das war vor seiner Zeit als Bürgermeister.
 
  Die Rahmenhandlung geht so: Der amerikanische Präsident ist auf Staatsbesuch in Grossbritannien und soll vor erlauchtem Publik in Westminster Hall eine Rede halten. Die Sicherheitsvorkehrungen könnten nicht umfassender sein und doch schafft es ein Quartett total unprofessioneller Selbstmordattentäter in die Westminster Hall und ... von einem Thriller zu verraten, wovon er genau handelt, scheint mir irgendwie unangebracht und so will ich es denn auch lassen und dafür von ein paar Aspekte hervorheben, die dieses Buch zu einem ganz besonderen Thriller machen. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass ich da immer mal wieder laut heraus lachen musste, und das ist bei einem spannenden Buch (und „72 Jungfrauen“ ist sehr spannend) nicht sehr oft der Fall. Genau genommen kann ich mich an keinen einzigen Thriller erinnern (und ich bin ein passionierter Leser dieses Genre), bei dem ich dermassen oft habe lachen müssen/dürfen.
 
  Jeder gute Thriller ist immer weit mehr als ein „geistreicher Pageturner“ (Observer). „72 Jungfrauen“ (schwer, sich einen genialeren Titel für eine „Post-9/11-Farce“, so „GQ“, vorzustellen) erzählt unter anderem von den Erfahrungen der jungen Amerikanerin Cameron und ihren „schlaffen Begegnungen“ mit englischen Männern: „Einer war im kritischen Moment aus dem Zimmer geschlüpft und mit einem Pornovideo wiedergekommen, das er vor ihr abgelegt hatte wie ein eifriger Cockerspaniel“, charakterisiert Camerons Vater als „ein Alpha-Männchen, wie es im Buch steht. Er war so alpha, dass jede Prüfungskommission für gesteigert Männlichkeit ihm eine Ehrenmedaille verliehen hätte“, berichtet von britischen Sozialprogrammen: „... im Rahmen eines Ausbildungsprogramms für Jugendliche namens Passport2Jobs. Passport2Jobs ermöglichte schwer vermittelbaren jungen Menschen in Grossbritannien, in den Lagerräumen jener Firmen, die bereit waren, die entsprechenden Fördermittel einzustreichen, in der Nase zu bohren und Pornozeitschriften zu lesen“, zeigt auf, wie Bürokraten ticken („... jeder Bürokrat weiss, was er zu tun hat, wenn sein Rivale einen Geistesblitz hat. Man zieht mit. Man lobt ihn. Und dann findet man heimlich einen Weg, ihn zu sabotieren, wobei man darauf achtet, sich rechtzeitig von ihm zu distanzieren.“) und bringt uns arabische Beleidigungen näher: „'Omak zanya fee erd.' Deine Mutter hat Ehebruch mit einem Affen begangen. 'Wie bitte?' Eric strahlte. Er hatte beschlossen, die Polizei zu rufen. 'Yen 'aal deen ommak!' blaffte Jones. Verflucht sei der Hahn deiner Mutter, eine tödliche Beleidigung, jedenfalls für einen Araber.“
 
  Was diesen Thriller ausserdem speziell macht, sind seine Nebenschauplätze. Etwa die Erinnerungen des Scharfschützen Jason Pickels (der auf Bildern immer „wie ein frisch elektrogeschockter Ochse dreinblickte“) an die Gräuel von Bagdad, oder die Einblicke in das Leben des Abgeordneten Roger Barlow („Für einen Mann wie Roger Barlow war die ganze Welt ein Witz, ein zufälliges Durcheinander kosmischer Zutaten“), oder die spezifische Atmosphäre bei Demonstrationen („Der anschwellende Lärm auf dem Platz kündete von der bevorstehenden Ankunft des Präsidenten, und die Menge geisselte sich mit Plakaten, die alles Amerikanische verurteilten, von Bomben bis Trockenmilchpulver, wie aufgebrachte Mullahs bei der Beerdigung eines Ayatollahs.“ „Kaum hatte sie das Ei geworfen, entschwand Sandra mit der Effizienz eines Bombenwerfers vom Balkan.“), oder darüber, wie die Medien Politiker fertig machen („Barlow war von dem irrwitzigen und heuchlerischen Muster abgewichen, das die Boulevardpresse für das Verhalten öffentlicher und halböffentlicher Personen vorsah. Er war erledigt.“).
 
  Fazit: Grossartig! Ein toller Lesegenuss!

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