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Max Frisch
Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Suhrkamp
2011
2165 Seiten
ISBN-13: 978-3518462409
€ 8,95


Von Hans Durrer am 04.09.2012

  Anlässlich der Veröffentlichung dieses Tagebuchs publizierte die Weltwoche einen Artikel darüber, wer denn nun eigentlich die Deutungshoheit über Frisch habe, Professor Muschg oder Professor von Matt. Ganz so, als ob es einer Autoritätsdeutung bedürfe. Nun ja, ich kann selber lesen und mir auch selber eine Meinung bilden. Und diese weicht von derjenigen des Herausgebers von Matt gelegentlich ab.
 
  Ein Beispiel: Frisch schreibt: „Mittags am Bach, das Wasser ist kieselklar, aber kalt, die Felsen sind warm von der Sonne und die Luft riecht nach Wald, nach Pilzen, man hört nichts als das Wasser und es gibt nichts zu denken.“ Das klingt für mich sehr Zen-mässig. Von Matt sieht das anders: „Die Aussage 'es gibt nichts zu denken' schwebt unentscheidbar zwischen Resignation und Erleichterung. Sie fordert aber die Entscheidung und setzt dadurch das verleugnete Denken selbst in Bewegung.“ Schon verblüffend, was der Mann da hinein liest – nur steht es nicht dort.
 
  Schön, dass es dieses Tagebuch gibt. Ich habe es gerne und mit Gewinn gelesen. Unter anderem wegen Passagen wie dieser:
 „Leben als Oase -
 der Tod als die Wüste ringsum -
 Woher will ich das wissen?“
  Oder dieser:
 „ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN
 Günter Eich kurz vor seinem Tod:
 ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN.“
 
  Erstaunt war ich darüber: „Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Ich bin Alkoholiker. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug.“ Das Geständnis ist das Eine, die Überzeugung, dass der Entzug nur in einer Klinik gelingen könne, das Andere. Ich weiss nicht, ob Frisch wegen Alkohol schon einmal in einer Klinik gewesen ist, vermute jedoch, dass dem nicht so war, denn dann hätte er den letzten Satz wohl nicht geschrieben.
 
  Die hier vorgelegten Texte, schreibt Herausgeber von Matt, seien „keineswegs flüchtige und vorläufige Niederschriften.“ Schon möglich, obwohl für alles in diesem Band Gedruckte würde ich das nicht gelten lassen. Etwa: „Hänge ich am Leben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?“
 
  Unmittelbarer Anlass, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, war, dass ich irgendwo gelesen habe, Frisch äussere sich darin auch über das Sterben seines Freundes, des Strafrechtsprofessors Peter Noll. Zu diesem ist unter anderem zu lesen: „Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht – was nicht heisst, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür? Ich mähe den Rasen.“ Und: „Was ich (ohne persönliche Verstricktheit) nie verdaut habe: seine tollpatschigen Offerten an Frauen.“
 
  Noch einmal Herausgeber von Matt: „Was an den einzelnen Texten immer neu fasziniert, ist ihr Gefälle auf ein Ende hin, das gleichzeitig abschliesst und öffnet. Selbst wenn sie mit dem klar formulierten Ergebnis einer Beobachtung oder eines Denkablaufs enden, steht dieses da als etwas, das Weiterdenken verlangt.“ Das trifft es sehr gut.

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