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Georges Hyvernaud
Haut und Knochen
(La peau et les os)

2010
112 Seiten
ISBN-13: 978-3518224564
€ 12,90


Von Volker Frick am 28.08.2012

  Georges Hyvernaud war nach 5 Jahren in deutscher Kriegsgefangenschaft 1945 nach Frankreich zurückgekehrt, wo die Originalausgabe seines ersten Romanes 1949 erschien. Die Anmerkung der Übersetzerin Julia Schoch verweist auf den zweiten Roman „Der Viehwaggon“ von Hyvernaud, der 2007 ebenfalls in der Übersetzung der Übersetzerin in Deutschland erschien.
  Der Titel so trocken reduziert wie die Geschichten, mehr noch die Sprache, in der sie erzählt werden, vor allem aber die Reflektionen dieses Erzählers, der ausgehend von seiner Gefangenschaft im Lager in dieser „Leichenzeit“ mit all der Moral und Religion, Pädagogik und Propaganda, mit der dem Menschen zeitlebens das Denken zugekleistert wird, bilanzierend abrechnet. Weder versöhnlich noch unversöhnlich.
  „Doch der Unteroffizier achtete darauf, daß die Toten schön zusammengepreßt wurden. Er befahl einem Russen, in die Grube zu steigen und die Toten festzustampfen, damit alles hineinpaßte, was überstand, Köpfe, Arme, und der Russe lief über die Köpfe und Arme, bis das Ganze zusammengestaucht und eingeebnet war und kein Platz mehr verschenkt wurde. Eine Frage der Methode. Dadurch stimmten die Berechnungen des Unteroffiziers. Dreihundert je Grube, nicht mehr, nicht weniger.“
  Elias Canetti schrieb „Versuche niemand, ihnen die Masken herunterzureißen – .es sind ihre Gesichter.“ Diesseits jeglichen Pathos und ohne die vermeintlich emotionale Teilnahmslosigkeit der Texte eines Tadeusz Borowski ist dieses Buch ergreifend im besten Sinne. Ohne Ziel trifft die Prosa, den Lesenden transzendierend mit der Klarsicht der Trauer eines Ichs, zehrend schmerzend in das Herz eines abgewrackten Humanismus des vergangenen Jahrhunderts. Heuer im 21sten ist den Humanoiden unserer Tage zuzumuten: Was tust du? Darob ist dieses Buch eines der zeitlosen literarischen Dokumente über den Terror staatlicher Provinienz, ausgeführt von bewußtseinsfernen personae, Menschen wie du und.
  Sehenden Auges in die Katastrophe. Dem Humanoiden als solchem fehlt die Einsicht in seine paranoide Routine. Wie wir alle „So tun als ob“, so der Titel einer der Geschichten, die als Roman verkauft werden. Das geht in Ordnung. Klein, fein, dieser Erstling von Georges Hyvernaud, in der Übersetzung von Julia Schoch. Okay, noch ein Zitat, wie, unter anderem, Georges Hyvernaud den Wahnsinn einfängt: „Das zu sein, was wir sind, und das zu tun, was wir tun.“

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