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Suzanne Collins
Tödliche Spiele
Die Tribute von Panem 1
(The Hunger Games, 2008)

Oetinger
2009
Übersetzt von Sylke Hachmeister und Peter Klöss
415 Seiten
ISBN-13: 978-3789132186
€ 17,90


Von Alfred Ohswald am 14.06.2012

  Der Roman spielt in einer zukünftigen Welt, in der die Menschen in Amerika in zwölf von in sich abgeschlossenen, umzäunten Distrikten und dem Kapitol bewohnen. Jeder der Distrikte hat eine eigene Aufgabe, wie etwa Kohleabbau oder Landwirtschaft und alle werden von den technisch weit überlegenen Bewohnern des Kapitols beherrscht, die dadurch ein Leben in üppigen Luxus führen können. Um ihre Überlegenheit zu demonstrieren, werden jedes Jahr in jedem Distrikt zwei Jugendliche – sogenannte Tribute - ausgelost, die in einer „Arena“ – einem speziell präparierten Gelände mit verschieden Umgebungen, von unterschiedlichen Landschaftstypen bis zum Wetter. Diese Tribute müssen einander bekämpfen, bin nur ein Überlebender übrig bleibt. Das Ereignis wird aufwändig im Fernsehen übertragen und die Bewohner der Distrikte sind zum Zusehen verpflichtet, um ihnen ihre Machtlosigkeit gegenüber dem Karpitol zu demonstrieren.
  Die Heldin ist ein junges Mädchen aus dem 12. Distrikt, das mit ihren heimlichen, illegalen Jagdausflügen jenseits der Umzäunung ihre Mutter und ihre jüngere Schwester durchbringt. Als ihre Schwester bei der jährlichen Verlosung für den Kampf in der Arena ausgewählt wird, meldet sie sich freiwillig an ihrer Stelle.
 
  Die Handlung von „Die Tribute von Panem“ ist weder sonderlich originell, noch besonders komplex, die geradlinige Geschichte ist allerdings flott und spannend erzählt. Dieser Jungend-Fantasy-Roman war in Amerika ziemlich erfolgreich und die Verfilmung sorgt jetzt sich für einen verdienten Erfolg es noch relativ kleinen Kinder- und Jugendbuch-Verlages Oetinger für sein in diesem Fall glückliches Gespür.
  Für das große potentielle Publikum der Harry-Potter-Leser kann man das Buch ziemlich uneingeschränkt empfehlen, solange nicht ein ähnlicher Hintergrund erwartet wird. Und obwohl es eigentlich in der Zukunft spielt und daher zur Science-Fiction zu zählen wäre, hat es sonst mehr die typischen Merkmale für das Fantasy-Genre.

Von Christel Schweitzer am 12.08.2012

  „Dann kamen die Dunklen Tage, der Aufstand der Distrikte gegen das Kapitol. Zwölf wurden besiegt, der dreizehnte ausgelöscht. Der Hochverratsvertrag brachte uns neue Gesetze, die den Frieden sichern sollten; und um uns alljährlich daran zu erinnern, dass die Dunklen Tage sich nie wiederholen dürfen, brachte er uns die Hungerspiele. Die Regeln der Hungerspiele sind einfach. Zur Strafe für den Aufstand muss jeder der zwölf Distrikte ein Mädchen und einen Jungen für die Teilnahme stellen, die sogenannten Tribute. Diese vierundzwanzig Tribute werden in einer riesigen Freilichtarena eingesperrt, …. Über mehrere Wochen hinweg müssen die Konkurrenten einander bis auf den Tod bekämpfen. Der Tribut, der als letzter übrig bleibt, hat gewonnen. Das Kapitol nimmt die Kinder aus unseren Distrikten fort und zwingt sie dazu, sich gegenseitig zu töten“
 
  Eigentlich gehört dieses Buch nicht zu jenen Genres, die mich sonderlich interessieren; d.h. ich habe weder mit Fantasy noch mit Jugendliteratur a la Harry Potter wirklich etwas zu schaffen. Als ich das Buch aber bei meinem Freund liegen sah, der meinte, es sei nicht schlecht, überkam mich doch die Neugier. Hatte ich doch einiges darüber gehört, ebenso über die Verfilmung…und außerdem zog mich die Aufmachung, der Umschlag der deutschsprachigen gebundenen Ausgabe magisch an.
  Anfänglich achtete ich beim Lesen noch sehr genau darauf „verräterische Spuren“ in Richtung „Jugendliteratur“ zu finden, konnte aber nur feststellen, dass die Schriftgröße sowie die Seitenstärke als Motivation für jüngere Leser gewertet werden kann, diesen dicken Wälzer in die Hand zu nehmen.
  Die Protagonistin „Katniss Everdeen“ zählt 16 Lenze und wird wahrscheinlich als Identifikationsfigur besser von einem jüngeren Publikum angenommen, als eine Erwachsene. Abgesehen hiervon, konnte ich keine Hinweise entdecken, die diese Romantrilogie klar einem bestimmten Zielpublikum zuordnen. Dieser Fantasy-Roman ist also für alle Altersgruppen gleichermaßen spannend und mitreißend geschrieben.
  Womit ich meine begonnene Beurteilung gleich fortsetzen möchte, denn auch ich stellte, wie offensichtlich viele Leser vor mir, sehr bald fest, dass ich mich von dem Buch nicht trennen wollte. Da ich mich zur Zeit der Lektüre auf Urlaub befand, war dies auch nicht weiter schlimm, aber ich merkte, wie unleidlich ich reagierte, – fast als litte ich unter Entzug - wenn ich dabei gestört wurde. Musste sich mein Geist doch gewaltsam aus Katniss Welt wieder in die Realität zurückbeamen. Schon seit sehr langer Zeit hat dies keine Erzählung mehr zustande gebracht!
 
  Der Plot ist schnell erzählt (siehe unten), ist eigentlich recht simpel, wie auch der Aufbau der Geschichte. Die, aus der Perspektive von Katniss, in der Ich-Person und im Präsens geschilderte Geschichte bildet ab und an eine kleine Schlaufe in die Vergangenheit, um die Umstände in denen sich die Protagonistin befindet besser verstehen zu können, wer aber literarische Kunstgriffe, wie Rahmengeschichten oder mehrere Erzählebenen sucht, wird sie in diesem Roman nicht finden. Fassen wir zusammen: dieses Buches besitzt einen linearen Handlungsverlauf mit einem simplen Plot und einer begrenzten, gut überschaubaren Anzahl an Figuren. Die Wortsemantik stellt sich weder sonderlich elaboriert noch restringiert dar, wie auch die Syntax keine Besonderheiten aufweist. Das verwendete Tempus, nämlich Präsens, wirkt eindringlich, vermittelt den Eindruck das Geschehene hautnah mitzuerleben. Die Crux der Sache: der Autorin ist es gelungen eine Story zu erzählen, die ähnlich wie „Die Welle“, unter die Haut geht. Der Roman ist voll von psychologisch fundiert aufgebautem Nervenkitzel und manch Schilderung wirkt geradezu grausam sachlich realistisch. Wir sprechen hier nicht von Horror oder Mystik. Die Geschichte zupft deshalb an den Nerven des Lesers, weil es uns als Individuen nicht egal sein kann, ob man von einem omnipräsenten („Ich könnte täglich erschossen werden, weil ich gejagt habe, aber der Appetit der Beamten schützt mich. Was nicht jeder von sich behaupten kann.“) und omnipotenten („Die Regeln der Hungerspiele sind einfach. Zur Strafe für den Aufstand muss jeder der zwölf Distrikte ein Mädchen und einen Jungen für die Teilnahme stellen, die sogenannten Tribute... Das Kapitol nimmt die Kinder aus unseren Distrikten fort und zwingt sie dazu, sich gegenseitig zu töten, während wir zusehen – und erinnert uns auf diese Weise daran, dass wir ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.“) System dazu gezwungen wird, Handlungen zuzulassen und zu begehen, die uns das Gewissen auf Grund unserer Kultur versagen (sollten). Man liest den Roman, leidet mit Katniss mit, bewundert ihre Courage und ihren Kampfgeist, ist abgestoßen von ihrem Unvermögen zu vertrauen und ihrer Unfähigkeit zuzulassen geliebt zu werden. Und doch versteht man sie, ist, obwohl im Zwiespalt, immer auf ihrer Seite. Die tiefenpsychologische Wirkung ist es, die diese einfache Geschichte so spannend und mitreißend macht.
 
  Den Inhalt des ersten Romans „Die Tribute von Panem“ kann man, weil eigentlich knapp und gut geschildert, vom Klappentext entnehmen, die Atmosphäre der Geschichte kann man sowieso nur beim Lesen erleben:
 
  „Nordamerika existiert nicht mehr. Kriege und Naturkatastrophen haben das Land zerstört. Aus den Trümmern ist Panem entstanden, geführt von einer unerbittlichen Regierung. Alljährlich finden grausame Spiele statt, bei denen nur ein einziger überleben darf. Als die sechzehnjährige Katniss erfährt, dass ihre kleine Schwester ausgelost wurde, meldet sie sich an ihrer Stelle und nimmt Seite an Seite mit dem gleichaltrigen Peeta den Kampf auf. Wider alle Regeln rettet er ihr das Leben. Katniss beginnt zu zweifeln - was empfindet sie für Peeta? Und kann wirklich nur einer von ihnen überleben? Eine faszinierende Gesellschaftsutopie über eine unsterbliche Liebe und tödliche Gefahren, hinreißend gefühlvoll und super spannend.
 
  Wenn sich Zuschauer heutzutage daran delektieren zuzusehen wie sich deren Mitmenschen gegenseitig mit Käfern füttern und im Schlamm wälzen („Dschungelcamp – ich bin ein Star – holt mich hier raus“), wenn Fernsehformate wie „Big Brother“ die Gruppendynamik live überträgt, die sich in bunt zusammengestoppelten Wohngemeinschaften aufbaut, oder rund um den Globus Sendungen ausgestrahlt werden, die zerrüttete Familien („Frauentausch“) und un“dressierbare“ Jugendliche („Die strengsten Eltern der Welt“) hautnah in ihren Krisen zeigen, wenn man sogar via Live-Schaltung im Fernsehen Zeuge einer Geburt oder eines Todesfalles werden kann – ja wenn man all dies bedenkt – stellt sich die Frage, ob wir wirklich noch so weit von der im Roman geschilderten Realität entfernt sind?! Haben wir es mit einer Retrospektive im Sinne von „Panem et circenses“ zu tun: Hungerspiele als moderne Gladiatorenkämpfe wie anno dazumal in Rom, siehe auch der eindeutig assoziierbare Titel der Trilogie? Oder eine Vorwegnahme einer möglichen Zukunft, in der wir applaudierend beim Morden zusehen, live oder via Übertragungsmedien? Wir sollten bei dieser Überlegung nicht vergessen, dass es auch heute, im 21. Jahrhundert, noch genug Staaten gibt, die die Todesstrafe praktizieren, bei deren Exekution Zuseher durchaus erlaubt sind. Sind wir nicht vielleicht deshalb so schockiert über die Todesspiele von Panem, weil sie grausam, brutal, menschverachtend und doch beängstigend real wirken?
 
  Die Autorin, Suzanne Collins, Jahrgang 1962, ist seit Anfang der 90er Jahre als Drehbuchautorin für das amerikanische Kinderfernsehen tätig. 2003 begann ihre schriftstellerische Karriere mit dem Roman »Gregor und die graue Prophezeiung« den ersten Band einer fünfteiligen Abenteuer-Reihe. Als 2009 »Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele« veröffentlicht wurde, war ein Bestseller am Büchermarkt erschienen. In 40 Ländern erhältlich, mit einer Gesamtauflage der Originalausgaben der Trilogie bei derzeit fast 7 Millionen Exemplaren und der Anerkennung für dieses Werk von renommierten Schriftstellerkollegen, das alles hat die Autorin in den Olymp der Schriftstellerstars aufsteigen lassen.

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