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Odile Caradec
Der Himmel, das Herz
(Le ciel, le coeur)

Verlag im Wald
2011
Übersetzt von Rüdiger Fischer
258 Seiten
ISBN-13: 978-3941042360
€ 15,-


Von Volker Frick am 07.02.2012

  Im Herbst 2008 nahm ich den Gedichtband 'In schöner schwarzer Erde' zur Hand, und empfand, gelinde gesagt, Vergnügen bei der Lektüre der Gedichte von Odile Caradec. Titelgebendes Gedicht war bereits 1997 zu lesen in der kleinen bibliophilen Ausgabe 'Von oben bis unten' von Odile Caradec im Verlag Thomas Reche, übersetzt von Rüdiger Fischer. In seinem Verlag im Wald erschienen sowohl 'In schöner schwarzer Erde' (2008) als auch die Bände 'Kühe, Autos, Celli' (1996; vergriffen) und 'Katzen, Damen, Funken' (2005). Und nun ist die jüngste Veröffentlichung von Odile Caradec unter dem Titel 'Der Himmel, das Herz' im Verlag im Wald erschienen, erneut in der Übersetzung von Rüdiger Fischer.
  Die Auswahl und Zusammenstellung der Gedichte dieses Bandes besorgte die Autorin selbst. Odile Caradec, Jahrgang 1925, hat gut zwei Dutzend kleinere zum Teil nicht mehr greifbare Lyrikbände publiziert. Dies und anderes zeigt das engagierte Nachwort von Christiane Freund auf, und ist selbst noch ganz verwoben in den Worten der Dichterin.
  Spätnachmittag auf dem Sofa am Fenster gesessen. Las und las, hielt inne und las weiter, las, und irgendwann blickte ich auf, sah aus dem Fenster und es war dunkel, und als meine Augen zu den Zeilen zurückkehrten, dauerte es eine geraume Weile bis sie das Restlicht fokussiert hatten, und ich blätterte um: 'Die Dichtung in der Dämmerung' der Titel des Gedichtes, was mir schon den Atem nöthigte, die erste Zeile: 'Gedichte lesen im schrägen Herbstlicht'. Danach legte ich das Buch erst einmal zur Seite. Odile Caradec ist ein Solitär – „Ich bin ein schwarzer Diamant“, letzte Zeile eines titellosen Gedichtes.
  Es war Friedrich Schlegel, der von der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung schrieb, darin nah dem jungen Beckett. Eher umgekehrt. Caradec straft dies nicht Lügen, aber es interessiert sie nicht. Sie transferiert mit einer einfachen Sprache, die den Bezug auf Objekte der Welt wie eigene subjektive Verfasstheiten nur zum Ausgangspunkt, zum starting point einer rasant reduzierten und doch weit gefächerten Bildhaftigkeit, die weniger zusammengewürfelt als vielmehr eloquent und leichthändig zu Papier gebracht wird, die Schrift als den Ort der jeweiligen semiotischen Zuschreibung von Autor/in wie Leser/in – bestenfalls trifft man sich in einer Bedeutung, hinterlässt im Einverständnis die Deutung den anderen – in die Fülle eines gemeinsamen Verstehens qua Sehens senkt, darob diese Lektüreerfahrung des Gemeinsamen zugleich schlicht Teilhabe, Teilhabe an der Welt, dem Takt des Geschehens, dem warmen Rauschen des Blutes, dem Leben gleichkommt. Und irgendwann blickte ich auf, sah aus dem Fenster und es war dunkel. Es war stockfinster, und mir nach all' mir bekannten physikalischen Gesetzen völlig unerklärlich wie ich das noch hatte lesen können. Ihr Licht.
  So darf ich mir nur erlauben eiligst erneut auf diese Dichterin zu verweisen, die so wunderbar zwischen der eigenen Existenz und dem großen Schauspiel der Welt, der Natur, den Jahreszeiten, Bushaltestellen, und den Zuständen der Seele oszilliert.
  Ihre Seele verortet sie im Herzen, wie schon Aristoteles, und im Zimmer zwei Dichter, Rimbaud und Saint-Pol-Roux, und sie fängt die Zeit als vorbeieilendes Zebra ein, und „auf meinem Herzen schläft ein winziger Geliebter“.

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