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Victor Bockris
William S. Burroughs
Bericht aus dem Bunker

Ullstein
1998
391 Seiten


Von Volker Frick am 24.03.2000

  ... und die Schwärze breitet sich über die ganze Welt, und da wusste er: Das war, wohin er ging...
  Klar könnte ich schreiben W.S.Burroughs sei der erste Schriftsteller des 21. Jahrhunderts, wenn nicht hinzugefügt werden müsste: gewesen, und das würde natürlich die ganze Aussage doch etwas ins Absurde abgleiten lassen. Klar könnte eine lange Liste von Attributen und Titulierungen, die diesem bedeutenden Schriftsteller des auslaufenden Jahrtausends zugeschrieben wurden nicht annähernd die faszinierte Hochachtung ausloten, die ihm aus allen separatistischen Sparten von Kulturschaffenden dargebracht wurde, und wird. Navigare necesse est...
  Unmissverständlich ist W.S.Burroughs vor gut einem Jahr gestorben, und so kann es nicht verwundern, wenn das eine und das andere Buch erschien, wie also auch z.B. das Buch von Victor Bockris, der bisher schon mehrere Rock-, Kult- und Kulturgrössen sich zur Brust nahm, und hierin äusserst präzis und seriös arbeitete, und dieses Buch ist eine Neuauflage eines Buches, welches im Original 1991 erschien und nun zum ersten Mal den nur deutschkundigen Lesern vor die Augen treten kann.
 
  Es beschreibt Burroughs' New Yorker Jahre - nachdem er Städte gleich roten Punkten auf die Weltkarte setzte wie Interzone, London, Paris, Mexiko City - die Jahre von 1974 bis 1980, in denen er die meiste Zeit im Bunker lebte. Klar, kein richtiger Bunker, aber ohne natürliches Licht, denn es ist vorbei mit den Fenstern. Kein Traum ist unbedeutend, keine Stimme verloren.
  Beschrieben wird eigentlich weniger, erzählt auch nicht so eigentlich, ausser die Lektüre stimmt die Aussagen der zahlreichen Protagonisten via Gespräch, Treffen, Essen, Konversation in Erzählung. So geschehen.
  Aufgezeichnete Gespräche, ausgezeichnete Erzählungen, denn durch diese Gespräche erzählt sich vieles von dem, was Burroughs zeitlebens beschäftigt hat, genauer: womit er sich beschäftigt hat. Noch genauer: viel neues erfährt die Leserin hier nicht, das Buch erinnert, und erinnert gut, an den immernoch bestechenden Interview-Band von Daniel Odier: The Job.
  Nicht nur muss man es aushalten, viel mehr muss man es auch leben. Kulturelle Gehirnwäsche. Klar kann dem Gelächter kaum Einhalt geboten werden, wenn die Lektüre über das infantile Geblubber eines Andy Warhol stolpert. Auf die Schenkel klatscht das Zwerchfell sich beim Drogenmaniac Terry Southern, dem der Speichel selbst bei Niacin zähflüssig von den Lippen tropft, dabei ist das nur 'n Vitamin B-Komplex, aber Terry Southern hat ehedem eine Parodie eines pornographischen Romans geschrieben, der mit Ringo Starr, Marlon Brando und Richard Burton auch verfilmt wurde: Candy.
  Oder die Geschichte, wie Beckett mitansehen musste wie Burroughs eine alte Pennerin in Paris an der Seine erschoss, oder wie William Faulkner der Maiskolben war. Oder wenn Burroughs während eines Essens mit Susan Sontag aus dem Gedicht Cassandra von Edwin Arlington Robinson zitiert:
  Müssen wir zahlen, für das, was wir haben,
  Mit allem, was wir haben,
  Und wirst du niemals das Auge haben,
  Die Welt zu sehen, wie sie ist?
  Oder wenn Burroughs in Berlin weilt und gemeinsam mit Allen Ginsberg, Susan Sontag und anderen Beckett besucht, da dieser anläßlich einer Inszenierung eines seiner Stücke am Schiller Theater mal wieder in Berlin sich aufhält, und im nachhinein diesen Besuch jeder ganz anders beschreibt. Feldtheorie des Wortes.
  Die Gespächspartner, all diese bekannten Leute, die in diesem Buch auftauchen, real oder als Thema, sind Legende. Ein Lesebuch der besonderen Art, kurzweilig, unterhaltsam und immens informativ führt es dem Leser vor Augen die Dimension dieses Schriftstellers und die Dimensionen, in denen sich diese éminence grise aufhielt.

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