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Simon Erlanger, Peter-Jakob Kelting (Hg.)
Interniert in Schweizer Flüchtlingslagern
Tagebuch des jüdischen Autors Felix Stössinger 1942/43

Christoph Merian Verlag
2011
544 Seiten
ISBN-13: 978-3856165291
€ 28,-


Von Günther Stockinger am 28.12.2011

  „Unser Leben wurde allmählich normal“, schrieb der aus Prag gebürtige österreichisch-jüdische Journalist Felix Stössinger im Spätsommer 1942 in sein Tagebuch. Kurz zuvor war er in Zürich angekommen, der letzten Station auf einer Flucht, die von Berlin nach Prag, nach Wien und wieder zurück nach Prag bis Nizza geführt hatte.
  Dort war Stössinger (geb. Stösseles) mit seiner Frau Charlotte und deren Sohn Hans nur knapp der Deportation entkommen, da die deutschen Besatzer auch in der unbesetzten „Vichy“-Zone Frankreichs durch französische Gendarmen und Miliz seit dem Frühsommer 1942 hauptsächlich unter ausländischen Juden und Jüdinnen Razzien und Massenverhaftungen durchführen ließen. Die Festgenommenen wurden in Sammellager bei Paris gebracht und von dort aus in die deutschen Vernichtungslager in Osteuropa deportiert.
 
  Interessant und in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, dass auf der von Adolf Eichmann in der „Wannsee-Konferenz“ zur so genannten „Endlösung der Judenfrage“ präsentierten Liste, in den rund 11 Millionen zur Vernichtung vorgesehenen Juden und Jüdinnen auch 18000 in der neutralen Schweiz ansässigen Juden und Jüdinnen enthalten waren.
  Als die Nazi-Wehrmacht im Sommer 1943 auch in die unbesetzte Zone einmarschierte, wurden auch die Juden mit französischer Staatsbürgerschaft Opfer der Deportationen. Wer konnte, versuchte zu fliehen – entweder nach Spanien oder, wie Stössinger und seine Familie, in die Schweiz.
  Da staatenlose/ausländische Juden in ganz W-Europa erstes Ziel der Razzien waren, formierte sich schon früh Widerstand. In Belgien zB waren es vor allem zionistische und sozialistische jüdische Jugendorganisationen, die sich in der Untergrundbewegung „Comité de Défense des Juifs“ (CDJ) organisierten. Das CDJ beispielsweise konnte 4000 jüdische Kinder verstecken und Sabotageaktionen durchführen. „Die wichtigste Fluchtroute führte 1942/43 über Nancy via Belfort in den französischen Jura und an die abgesperrte Schweizer Grenze“ (S. 503). Dort wurden die Flüchtlinge von ortskundigen Einheimischen über die Grenze gebracht und dann von Kontaktleuten ins Landesinnere.
  Ab Sommer 1942 schwoll der Flüchtlingsstrom in die freie und neutrale Schweiz stark an. Die Schweiz verhielt sich abwehrend, Tausende Flüchtlinge (Guido Koller vom Schweizerischen Bundesarchiv kommt wie die Unabhängige Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg (UEK) auf eine Zahl von rund 24.400 weg gewiesenen Flüchtlingen) wurden abgewiesen und zurück geschickt, obwohl die Behörden wussten, was in Frankreich, Belgien und den Niederlanden passierte und was die Deportierten in Osteuropa erwartete: der sichere Tod. Die Kenntnis der Schweizer Behörden, ihr Antisemitismus und ihre Beschlüsse sind informativ im Buch auf den Seiten 504 – 507 dokumentiert. Auch die öffentlichen Proteste dagegen.
  Tausende (genau: 22.500) schafften es trotzdem in die Schweiz zu kommen; dort wartete auf sie ein ausgeklügelter Apparat von Internierung und Überwachung.
  Die Schweizer „Abwehrpolitik gegen Überfremdung“ (Zitat aus einem Gesetz), gegen die „Verjudung der Schweiz“ (so der Gründer der eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund im September 1938), war bereits seit 1919 aufgebaut worden. Standen zuerst hauptsächlich Ostjuden im Visier der Behörden, wurde diese Haltung später auf alle Juden/Jüdinnen ausgedehnt.
  Als nach dem „Anschluss“ Österreichs Tausende von österreichischen Juden/Jüdinnen in die Schweiz einreisen wollten, wurde die Schweizer Grenze geschlossen. Auf Betreiben der Schweizer Behörden hatte Berlin den „J“- Stempel in die Pässe deutscher und österreichischer Juden eingeführt, damit sie für die Grenzbeamten leichter zu erkennen und abzuweisen waren. Die Bürokratien der (kapitalistischen) Länder Europas, alle in ihrem Kern antisemitisch, arbeiteten eng zusammen und ihnen war schwer zu entkommen.
  Flüchtlinge, die wie Felix Stössinger und Familie, es schafften in der Schweiz Aufenthalt zu finden, mussten sich auf die bis 1954 geltende Devise „Weiterwanderung/Transmigration“ einstellen. Asyl und Integration war nicht vorgesehen. Mit Kriegsbeginn 1. September 1939 wurde Transmigration fast unmöglich. Daher wies der Bundesrat im Oktober 1939 die Kantone an, die illegal eingereisten Flüchtlinge „auszuschaffen“.
  Jene, die aufgrund ihres Flüchtlingsstatus nicht ausgeschafft werden konnten, wurden interniert. In der Folge entwickelten sich zwei Systeme der Internierung: Eines nach der Haager Landkriegsordnung für fremde Militärpersonen und eines für die zivilen Flüchtlinge. Ersteres unterstand dem Schweizer Militär, das zweite dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartment. Bevor die Flüchtlinge letztlich in einem der beiden Systeme landeten, mussten sie Wochen in Quarantäne- und Auffanglagern verbringen, die bis 1946 (!) militärisch geführt wurden. Die Lager für zivile Flüchtlinge waren Arbeitslager, alle Emigranten von 16 bis 50 Jahren unterlagen der Arbeitspflicht. Familien wurden häufig getrennt. Der Kontakt zur Schweizer Bevölkerung war untersagt.
  Mit der Befreiung Europas im Mai 1945 (nicht 1944, wie fälschlich auf Seite 513 vermerkt, Anm. G.S.) wurde die Rückkehr vieler Flüchtlinge vor allem nach W-Europa wieder möglich. Neuerlich schwoll der Flüchtlingsstrom nach antijüdischen Ausschreitungen in Osteuropa (Pogrom von Kielce mit 46 Toten) wieder an. Erst nach 1948 mit der Gründung Israels als Heimstatt für jene, die den Mörderbanden unserer Väter und Großväter entkommen waren, eröffnete sich zusätzlich zu den USA, Kanada und Australien für viele eine realistische Perspektive.
  Die Schweizer Flüchtlingspolitik sollte sich erst 1954 ändern, als der Staat die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ratifizierte.
 
  Stössingers Texte sind von großer Klarheit und gleichzeitig fühlbarem antifaschistischem Engagement und von feiner Ironie durchzogen. Eine Kurzbiografie und ein berührend-menschliches Interview mit Hans Michael Freisager, dem Stiefsohn Felix Stössingers aus 2011 runden einen Band ab, der ein weiterer wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der Schweizer Flüchtlingspolitik der Jahre 1938 – 1945 ff. ist. Der Historiker Stefan Keller hat 1993 mit der Reportage „Grünningers Fall“, der Aufarbeitung der Geschichte des St. Galler Polizeihauptmanns und Fluchthelfers Grünninger und so dessen Rehabilitierung durchgesetzt, den Anfang gemacht. Simon Erlangers verdienstvolle Dissertation (2006) zum System der schweizerischen Arbeitslager und Heime an der ETH Zürich ein weiterer.
 
  Dem Buch ist nicht zuletzt, da auch hierzulande von „rechtspopulistischer“ Seite von „Überfremdung“ geredet wird, eine weitere Verbreitung zu wünschen.

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