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Rudolf Kraus
mein haiku schmeckt gut
japanische miniaturen

Edition Roesner
2011
92 Seiten
ISBN-13: 978-3-902300-59-1
€ 14,80


Von Christel Schweitzer am 18.12.2011

 Jeder dreizeiler
 verbirgt eine ganze welt
 du musst nur lesen
 
 
  Laut Wikipedia ist ein „Haiku (jap. ??, dt. lustiger Vers; Plural: Haiku, auch: Haikus) eine traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Sie gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt.
  Japanische Haiku bestehen meistens aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren), wobei die Wörter in den Wortgruppen vertikal aneinander gereiht werden. Unverzichtbarer Bestandteil von Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Als Wesensmerkmal gelten auch die nicht abgeschlossenen, offenen Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigen. Im Text wird nicht alles gesagt, Gefühle werden nur selten benannt. Im Deutschen werden Haiku in der Regel dreizeilig geschrieben. Bis um die Jahrtausendwende galt zudem die Vorgabe von 5-7-5 Silben. Davon haben sich allerdings die meisten deutschsprachigen Haijin (Haiku-Poeten) entfernt. Sie weisen darauf hin, dass japanische Lauteinheiten alle gleich lang sind und weniger Information tragen als Silben in europäischen Sprachen. 17 japanische Lauteinheiten entsprechen etwa dem Informationsgehalt von 10 – 14 deutschen Silben. Deshalb hat es sich mittlerweile unter vielen Haiku-Schreibern europäischer Sprachen eingebürgert, ohne Verlust des inhaltlichen Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als 17 Silben auszukommen.“
 
  Haikus sollen eigentlich die aktuelle Außenwelt zum Thema nehmen – nicht aber politische oder gesellschaftskritische Fragen aufgreifen (Seite 11, 17, 21, 45 u.a.). Konkret und den Augenblick einfangend, soll der Haiku als Momentaufnahme wirken. Weder soll die Gefühlswelt des Lyrikers als innerer Monolog oder anders Gegenstand des Haikus werden (Seite 12, 16, 67 u.a.), noch soll die erfasste Außenwelt kommentiert werden. Sprachliche Eskapaden, wie Metaphern, Vergleiche, Wortspiele sollen den Blick auf die einfach und prägnant formulierte Sicht auf die Natur nicht verstellen, ein Haiku soll sie so wiederspiegeln, wie sie ist. Ein Haiku versteht sich als Fingerweis auf eine bestimmte Begebenheit in der Natur, Assoziationen sind dem Leser überlassen.
 
  Japaner reagieren mit Unverständnis und Abneigung gegen die europäische Sitte der gegenseitigen Nabelschau. Sie sind gemeinhin disziplinierte und kontrollierte Menschen, dies spiegelt sich auch in ihren Haikus wieder.
 
  Kraus hat sich von der offenen, europäischen Lyrik in die Welt der japanischen Haiku begeben, in der es nicht nur eine 5 – 7 - 5 Regel zu beachten gibt, sondern siehe oben von unzähligen Regeln nur so wimmelt. Sehr japanisch geordnet eben!
  Stören diese vielen Regeln nicht des Lyrikers Freiheit im Ausdruck; selbst dann, wenn die Haikus und mit ihnen ihre Regeln europäisiert und liberalisiert wurden, also eigentlich keine Haikus mehr darstellen?
  In Europa hat die Lyrik seit 1900 einen echten Befreiungsschlag getan und Regeln verweigert, Muster zerbrochen, Erwartungen unterlaufen. Dies scheint nun auch das Schicksal der japanischen Haikus zu sein. Chic, cool, lustig? Ich weiß nicht…
 
 
 ich weiß keinen sinn
 ich weiß auch keine antwort
 die frage bleibt stumm

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