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Dian Hanson
The Big Book of Pussy

Taschen Verlag
2011
367 Seiten
ISBN-13: 978-3-8365-2182-6
€ 39.99


Von Alemanno Partenopeo am 12.12.2011

 HONNI SOIT QUI MAL Y PENSE
  "Can your pussy do the dog?“, heißt es in einem Lied der amerikanischen Kult-Rockabilly-Punk-Rock-Band „The Cramps“ und wer dabei an Schlechtes denkt, dem sei ein „honni soit qui mal y pense“, von Maria Theresia ans Herz gelegt. Das sprichwörtliche von dieser zu Boden fallen gelassene Taschentuch könnte der werte Betrachter bei der Lektüre dieser Publikation auch tatsächlich benötigen, denn selbst ein Gustave Courbet hatte den „Ursprung der Welt“ (1866) nicht ausführlicher abbilden und beschreiben können als Diane Hanson, die bei TASCHEN schon durch die Bücher „The Big Book of…“ (wahlweise einsetzbar: Breasts/Buts/Penis/Legs) auf sich und die werten tabuisierten Körperteile aufmerksam gemacht hat. Mit der wohl vorläufig letzten Publikation aus dieser Reihe dürfte wirklich alles das, was die katholische Kirche bisher zu enthüllen vermochte, endgültig enttabuisiert sein. Und das nachhaltig, denn die 3D-Version der genannten Bücher liegen bereits beim selben Verlag vor.
 VON BEZAHNTEN ORTEN UND DÜSTEREN HÖHLEN
  Im jüdischen Mythos gebe es eine „beth shenayim“, schreibt die Herausgeberin, der am besten mit „bezahnter Ort“ übersetzt werden könne. Auch die Christen des Mittelalters glaubten an eine „vagina dentata“, die jenen ihren Penis abbiss, die sich ohne das heilige Sakrament der Ehe an sie heranmachen wollten. Bei Sigmund Freud findet sich eine Stelle, in der er vor der Furcht des kleinen Jungens spricht, der erstmals den „Ursprung der Welt“ sieht und erschreckend feststellt, dass auch ihm dieses Schicksal blühen könnte: an der Stelle seines Penis ein schwarzes Loch, das scheinbar leer erscheint. Die Kastrationsängste dieses jungen Mannes hätten auch die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts geprägt, meint Freud, nicht nur die alter Kulturen und untergegangener prähistorischer Gemeinschaften. Aber hätten Freud oder sein kleiner Junge näher hingeschaut, hätte ihnen auffallen müssen, dass sich da, wo scheinbar nichts ist, sehr wohl etwas befindet. Das Hymen etwa oder die Klitoris, die Schamlippen und wohl noch eine ganze Menge anderer bis heute unergründlicher Dinge, davon zeugten schon Felsmalerin, wie Diane Hanson erzählt.
 KOMM, KITTY, KITTY
  Die patriarchale Kultur habe im 19. und 20. Jahrhundert dafür gesorgt, dass die Geschlechtsmerkmale der Frau zunehmend tabuisiert wurden und aus der Öffentlichkeit verschwanden und nur mehr Penisse oder Brüste abgebildet worden seien. Aber warum eigentlich? Warum wird „Minette, foufoune, chatounette ou encore frifri“, wie die französische Zeitung Elleadore schreibt eigentlich so wenig Aufmerksamkeit gezollt und schamvoll versteckt? Vielleicht sollte sich damit wirklich einmal ein Soziologe beschäftigen, Diane Hanson hat den Anfang jedenfalls gemacht und lässt tatsächlich die sprichwörtliche Katze aus dem Sack. Der Text der Publikation ist mit spielerischen Fotografien von 1900 bis heute illustriert, auf denen Frauen ihre Vulva zeigen, manche eher schüchtern, andere ganz schamlos. In mehr als 400 Fotos von Vulvaen, entweder natürlich buschig oder auch stilvoll getrimmt, wird dies dem werten Leser mehr als deutlich gemacht. Das Buch enthält aber auch Interviews mit dem Autorenfilmer Pussyman, dem Ex-Polizisten, der dank eines Spielzeugs namens Fleshlight mit Masturbation Millionen scheffelte, mit Vanessa del Rio, Flower Tucci, Vaginalkünstlerin Mouse und der einzigartigen Buck Angel. Fotografen wie Terry Richardson, Richard Kern, Ralph Gibson, Jan Saudek, Guido Argentini, Ed Fox und andere zeigen ihre Lieblings-Pussyfotos: „Komm, Kitty, Kitty!“ werden da bald manche rufen!
 UN JOLI MANIFESTE SUR LA FÉMINITÉ
  „Un joli manifeste sur la féminité qui se veut ludique et instructif, mais avec le souci de montrer de belles photos (certes explicites mais comment voulez-vous faire autrement ?) aux modèles souriant les lèvres ouvertes...La suite illustrée des Monologues du vagin.“ So drückt es - in der Sprache der Liebe - eine andere französische Publikation aus und wie könnte man es auf Deutsch besser ausdrücken: Das Buch illustriert die vor Jahren in Mode gekommenen „Vagina Monologe“ und könnte bald als „Manifest der Weiblichkeit“ auch in politische Diskussionen Einzug halten. Damit es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleibt, sondern den großen Worten auch Taten folgen, ein Großformat (30 x 30 cm, 372 Seiten) right into your face! So hätte der Feminismus der Sechziger wohl schon sein sollen, dann hätte er vielleicht mehr erreicht. Aber es gab sie ja auch schon damals: Valie Export, die österreichische Künstlerin, die mit einer Kalaschnikow und an jener ganz bestimmten Stelle durchlöcherten Jeans vor den Kameras posierte oder Valerie Solanas, die kurzfristig ein Attentat auf Andy Warhol realisierte…ganz so radikal ist Diane Hansons Buch vielleicht nicht, aber ein Schritt in dieselbe Richtung, nämlich zur Emanzipation der Frau von patriarchalen Vorgaben und Definitionen von Schönheit.

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