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Brion Gysin
Umherschweifen, Beute machen

Kiepenheuer & Witsch
1997
122 Seiten


Von Volker Frick am 24.03.2000

  Die Bilder von Brion Gysin seien besser als ein LSD-Trip ließ vor Jahren Genesis P-Orridge von Throbbing Gristle verlauten. Vor Jahresfrist ist eine Auswahl von Texten von Brion Gysin auf deutsch erschienen, ich aber sage Ihnen: Auch nicht schlecht!
 
  1916 in England geboren, wurde sein Vater Opfer von WK I. Im Alter von fünf Jahren geht es nach Kanada, Kindheit und Jugend. 1935 stellt er u.a. mit Arp, Dali, Ernst aus, doch noch während der Vernissage hängt Paul Eluard auf Anweisung von Bréton die Zeichnungen von Gysin wieder ab. Dann Griechenland, die algerische Sahara, Paris, Lissabon und New York, wo er Paul Bowles kennenlernt, amerikanischer Staatsbürger wird und seinen Wehrdienst ableistet, achtzehn Monate lang die japanische Sprache erlernt und später, in Kanada, Tex Henson, den Urenkel von Josiah Henson, auf dessen Lebensgeschichte 'Onkel Toms Hütte' von Harriet Beecher Stowe basiert, kennenlernt.
  Folgerichtig veröffentlicht er 1946 nach WK II 'The History of Slavery in Canada' und 'To Master A Long Goodnight'. Darob erhält er ein Fulbright Stipendium, bricht seine Studien in Bordeaux, Madrid und Sevilla jedoch ab. Paris, wo ihn Paul Bowles nach Tanger einlädt. Marokko wird für über zwanzig Jahre zum Lebensmittelpunkt von Gysin.
  Er lernt die Master Musicians of Joujouka kennen, und William S. Burroughs. Er eröffnet 1953 sein Restaurant 'Les 1001 Nuits de Tanger', dessen Attraktion die 30 Musiker und Tänzer von Joujouka sind. (Mit diesen soll der frühe Prinz von Dänemark, Brian Jones von den Stones, eine grauenvolle Platte gemacht haben. Hat er.) 1956, als Marokko in die Unabhängigkeit entlassen wird, schließt dieses Restaurant über Nacht seine Pforten für immer.
  Doch ergriffen stellt er fest, daß Magie in Marokko gewissenhafter betrieben wird als Hygiene. Die japanische und arabische Kalligraphie, Brion Gysins Bilder werden zu geschriebenen Wüsten.
  1958 trifft er Burroughs in Paris wieder. Im Beathotel in der rue Gît-le-Coeur schafft er mit dem Computer permutierte Gedichte - das allererste trug den Titel I AM THAT I AM -, experimentiert mit konkreter Poesie und Tonaufnahmen eigener Gedichte. Am Anfang war das Wort, dann kam der Cut-up, zufällig entwickelt das Zerschneiden und neu Zusammenfügen von Texten. Die physische Attacke auf die Sprache, Collage des geschriebenen Wortes.
  1969 der Roman 'The Process'. Dann erbastelt er gemeinsam mit dem Mathematiker Ian Sommerville die Dreamachine, das erste Kunstwerk welches mit geschlossenen Augen gesehen werden kann, ließ diese frühe Brainmachine patentieren ('Verrichtung und Apparat zur Erzeugung künstlerischer visueller Sinneswahrnehmungen') und selbst Helena Rubinstein war schwer enthusiasmiert.
  Mit Burroughs veröffentlicht er mehrere Bücher, die auf der Methode des Cut-up basieren, u.a. 'Minutes To Go' und 'The Exterminator'. 1973 schreibt er Jazzsongs für Mr. Soprano Sax Steve Lacy und tourt mit ihm durch Europa. Später äußerte David Bowie den Einfluß von Gysins Cut-up-Methode auf seine lyrics. Das gleiche gilt für Iggy Pop, und bis zu einem gewissen Maß für Patti Smith.
  Und die Künstler? Nun, Brion Gysin sieht die neuesten Bilder von Keith Haring und murmelt 'Matisse'. Einen sehr schönen Satz sprach er in einem Interview:
  'You should hammer one nail all your life, and I didn't do that.'
  1974 wird er in London operiert. Ihm werden Dickdarm und Anus entfernt. Krebs. Am 13.7.1986 stirbt Brion Gysin in Paris.
 
  Vor Jahresfrist ist eine Auswahl von Texten von Brion Gysin auf deutsch erschienen, ich aber sage Ihnen: Auch nicht schlecht! In Auswahl und Übersetzung aus dem Englischen und Franzöisischen von E. und U. Breger, eben eine Auswahl aus verschiedenen Projekten und nicht chronologisch. Mit einer Textbeilage zum Buch von Marcel Beyer ('Arbeiten auf beweglichem Grund, Brion Gysin').
  Auch der Buchtitel ist mit Bedacht und trefflich gewählt. Auszüge und erste Cut-ups, Brion Gysin läßt die Mäuse rein und die letzte Geschichte mit dem schönen Titel 'Feuer. Wörter bei Tage. Bilder bei Nacht', die aus der Zeit nach seiner Krebsoperation diese Zeit einfängt auf eine einfache und intensive Art. Mit Kalligraphien des Autors.
  Im vergangenen Jahr gab es eine große Ausstellung mit über 150 Exponaten von Brion Gysin betitelt I AM THAT I AM in Edmonton, Alberta, Kanada, wo Gysin aufwuchs. Ich habe sie auch verpaßt. Aber warum umherschweifen, wenn das Reisen so einfach ist. Are there any sixteen-year-old eyes out there? Come back and see me in my dressing room after the show. Ein echter Trip. Das Buch.

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